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Energiesektor: Vom Lippenbekenntnis zum Veränderungsprozess

Andreas Eicher
Andreas Eicher 21.02.2022

Kennen Sie die Norm ISO 50001? Energieexperten dürfte sie geläufig sein, handelt es sich doch um eine internationale Norm rund um das Energiemanagementsystem. Der TÜV Rheinland schreibt hierzu: „Mit einem Energiemanagementsystem nach der internationalen Norm ISO 50001 können Unternehmen ihre Energiebilanz verbessern, den CO2 Ausstoß verringern und durch den effizienteren Einsatz von Energie ihre Kosten senken.“

Das müssen sie auch, zählt Deutschland nach Auskunft des Statistik-Portals Statista 1,6 Prozent des weltweiten Primärenergieverbrauchs.


China führend, Deutschland auf Platz sieben
Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass China im Jahr 2020 knapp 145 Exajoule Primärenergie verbrauchte. Damit führt das Land die Rangliste der größten Primärenergieverbraucher vor den USA, Indien und Russland im Vergleichszeitraum an. Deutschland war demzufolge mit rund zwölf Exajoule der siebtgrößte Verbraucher im globalen Maßstab.


Das Umweltbundesamt (UBA) führt an, dass alle Wirtschaftsbereiche zusammen „fast drei Viertel der in Deutschland benötigten Primärenergie“ benötigen – vom Herstellen von Waren über das Versorgen mit Energie und dem Warentransport.


Primärenergieverbrauch: Was ist das?
Das UBA definiert den Primärenergieverbrauch als „den Energiegehalt aller im Inland eingesetzten Energieträger“. Weiter heißt es: „Der Begriff umfasst sogenannte Primärenergieträger, wie zum Beispiel Braun- und Steinkohlen, Mineralöl oder Erdgas, die entweder direkt genutzt, oder in sogenannte Sekundärenergieträger wie zum Beispiel Kohlebriketts, Kraftstoffe, Strom oder Fernwärme umgewandelt werden.“


Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWi) schreibt zwar in seinem Dokument zur „Energieeffizienz in Zahlen“ vom Dezember 2021: „Gegenüber dem Jahr 2008 hat sich der Primärenergieverbrauch (PEV) im Jahr 2020 um 2.480 Petajoule (PJ) oder 17,2 Prozent (2019 gegenüber 2008: -1.575 PJ oder -11,0 Prozent) reduziert.“ Als Gründe nennt das BMWi „den Ausstieg aus der Kernenergie sowie die Verdrängung von Steinkohle sowohl durch Erdgas als auch erneuerbare Energien (…)“. Diese Felder würden den „deutschen Primärenergiemix signifikant“ verändern. Die vom BMWi genannten Zahlen können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es neben dem Willen zum Umbau des Energiesektors neue Lösungen und Geld braucht. Denn die oft getätigte Behauptung, wonach die Energiewende Deutschland vor große Herausforderungen stellt, ist mindestens so alt wie die Diskussion um die notwendigen Mittel und Wege.

Halbherzige Schritte und der Faktor Zeit

Die teils halbherzigen Schritte der letzten Jahrzehnte sorgen für Verwirrung bei der Wirtschaft. Letzter Akt: Die Ankündigung der Europäischen Union, Atomstrom und Gas wieder stärker in den Fokus der Energieversorgung zu rücken. Das ist alles andere als Klarheit im Suchen nach gemeinsamen Wegen aus der Klimakrise. Im Grunde zeigt sich an diesen Maßnahmen die Hilflosigkeit der Politik, die national wie international zu lange auf „ein weiter, immer weiter“ setzte. Eine mäandernde Klimapolitik zwischen wirtschaftlichen Zugeständnissen, umweltpolitischen Kurskorrekturen und unklaren Zielsetzungen – von der Windkraft- und Solarförderung über Gas und Wasserstoff bis zum neuerdings „grünen“ Atomstrom und wieder zurück. In dieses hin und her passt denn auch die Aussage des BMWi unter der Regie der Vorgängerregierung: „Wir bauen unsere Energieversorgung schrittweise um, damit sie klimaverträglich und nachhaltig wird. Dieser Umbau braucht Zeit. Noch sorgen konventionelle Energieträger dafür, dass die Lichter anbleiben.“

In der Stadt und auf dem Land: Energiemanagement aus der Praxis

Nun ist Zeit ein relativer Faktor, aber mit Blick auf die Klimakrise ist davon wohl eher weniger als zu viel vorhanden. Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck drückt verbal auf das Tempo, um beim Thema erneuerbarer Energien schneller voranzukommen. Doch Lippenbekenntnisse und großformatige Grafiktafeln in Pressekonferenzen allein reichen nicht aus, um die anstehenden Herausforderungen in der Klimapolitik zu meistern. Es braucht dringend neue Lösungen und Wege für einen nachhaltigen Umbau des Energiesektors. Doch wie soll sie gelingen, die Energie- und letztendlich Klimawende?

Antworten geben Wirtschaft und Wissenschaft in unterschiedlichen Projekten, um mithilfe konkreter Maßnahmen und Lösungen an einer besseren Energienutzung in der Stadt und auf dem Land der Zukunft zu arbeiten. Vor allem der Wissenschaft kommt eine wichtige Rolle im kompletten Veränderungsprozess des Energiesektors zu, indem sie neue Technologieansätze aufgreift, diese weiterentwickelt und in Demonstrationsprojekten ersten Praxistests unterzieht. Bei allen Maßnahmen zur angestrebten Klimaneutralität bildet das smarte Energiemanagement in Gebäuden einen wichtigen Ansatzpunkt. Das heißt, in vielen Häusern wird Energie verschwendet, ohne diese nachhaltig sowie ganzjährig mittels eines umfassenden und intelligenten Energieflusses zu nutzen.


Von Köln nach Wüstenrot
Vom angewandten Energiemanagement in Köln-Mühlheim und in Wüstenrot berichtet der Titelbeitrag „Energiemanagement: Etwas wagen, in den Städten und auf dem Land“ in der gis.Business 1/2022.


Um flächendeckend zu einem qualitativen Mehr an nachhaltigen Lösungen und letztendlich einer steigenden Energieeffizienz zu gelangen, braucht es den unbedingten Willen aller Beteiligten, im Sinne einer zukunftsweisenden Klimapolitik zu denken und vor allem zu handeln. Entscheidend dafür ist, dass die handelnden Personen und Entscheider etwas wagen, in den Städten und auf dem Land. Denn eine Norm mit theoretischen Ausführungen allein wird es nicht richten. 

3814 - Energiesektor: Vom Lippenbekenntnis zum Veränderungsprozess