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Vom Wasser, dem Müller und dem Welterbe

Andreas Eicher
Andreas Eicher 21.10.2019

Anlässlich des Weltwassertags am 22. März 2019 erklärte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller: „Wasser ist die kostbarste Ressource der Menschheit. Aber mehr als zwei Milliarden Menschen leiden unter großer Wasserknappheit. Nur ein Viertel der Bevölkerung Subsahara-Afrikas hat überhaupt Zugang zu sauberem Trinkwasser.“ Und er hob unter anderem ein Beispiel deutscher Entwicklungshilfe hervor: „Im äthiopischen Tiefland sind die Böden aufgrund des Klimawandels sehr trocken, Sturzfluten tragen die Böden weiter ab. Durch das deutsche Engagement werden Wassereinzugsgebiete und Weideflächen durch den Bau von Wehren wieder instand gesetzt, die den Wasserabfluss regulieren. Auf diesen neu gewonnenen Flächen werden zusätzliche Nahrungsmittel angebaut“ [1].

Wenn das mal kein Volltreffer in Sachen Eigenwerbung war. Schließlich bürgt der Name Gerd Müller ja für viele Tore, aber das ist ein anderes Thema. Oder doch nicht? Denn Gerd Müller, also der Minister Müller, hat mit seinem Wassermanagementbeispiel ein lupenreines Eigentor erzielt.

„Entwicklungspolitik für Äthiopien. Deutsche Hilfe am Ziel vorbei?“ heißt eine Reportage, die das ZDF im September 2019 ausstrahlte. Darin geht es um eben jenen Bau von Wehren, sprich Flussschwellen, in der Region Afar im Nordosten des Landes mit Unterstützung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Das Ziel: „Diese Staumauern sollen die jährlichen Wasserfluten aus dem Hochland bändigen.“ Das Wasser solle verteilt werden, fruchtbares Land entstehen. Die Realität sieht nach Ansicht des ZDF-Beitrags allerdings anders aus. Ausgetrocknete Böden, von einer fruchtbaren Oase mit neuem Ackerland ist nichts zu erkennen. Mehr noch sei seit dem Bau der Mauern die Erosion der Böden noch schlimmer geworden. Die Flussschwellen der GIZ hätten schweren Schaden angerichtet [2].


Entwicklungshilfe zum Wassermanagement in Äthiopien: mehr Schaden als Hilfe (Quelle: stock.adobe.com_yupachingping)
Entwicklungshilfe zum Wassermanagement in Äthiopien: mehr Schaden als Hilfe (Quelle: stock.adobe.com_yupachingping)


Wassermanagement – Lichtjahre entfernt

Wechseln wir den Kontinent und fahren zurück ins rund 7.600 Kilometer entfernte Augsburg. Dort, gefühlte Lichtjahre von den Sorgen und Nöten Äthiopiens entfernt, geht es traditionell weniger um Dürre als vielmehr darum, das Wasser optimal zu nutzen. Denn die Menschen in der Dreiflüssestadt an Lech, Wertach und Singold leben seit Jahrhunderten mit und vom Wasser. Und diese Wasserversorgung ist nach Aussage der Stadtwerke Augsburg nachhaltig und seit 140 Jahren modern [3]. Nicht umsonst vermelden die Internetseiten zum Wassermanagementsystem Augsburgs aktuell: „Wir sind Welterbe!“

Gemeint ist jenes Wassermanagementsystem der Stadt Augsburg, das sich seit dem 6. Juli 2019 Unesco-Weltkulturerbe nennen darf. Doch was macht das Wassermanagement der Fuggerstadt so besonders? Ein Blick zurück und auf den heutigen Stand Augsburgs, das mit dem Wassermanagementsystem nach eigenen Aussagen einen „unvergleichlichen Schatz“ besitzt, „den die Stadt seit ihrer Stadtgründung birgt“ [4].

Die besondere Lage der Stadt

Dass dieser Wasserschatz nicht immer als wertvoll angesehen wurde, das zeigt sich, als der Dramatiker und Schriftsteller Bertolt Brecht im Jahr 1898 in eben jenem Augsburg geboren wurde. Genauer im „Lechviertel“, einem alten Handwerkerquartier. Das heute auf Besucher pittoresk wirkende „Klein Venedig“ Augsburgs war zu Zeiten der Geburt G. Brechts alles andere als malerisch. Armut, Dreck und Gestank waren für die Bewohner des Viertels im 19. Jahrhundert Alltag. Der Lech glich einer Kloake. Damals war es nicht gut bestellt um das Wasser Augsburgs und von einem Schatz nach heutigen Maßstäben konnte zu jener Zeit keine Rede sein. Doch die Zeit bringt Wandel und heute gehört Augsburg mit einem historisch gewachsenen Wassermanagementsystem zu einer Topadresse im internationalen Vergleich. Für die Stadtwerke Augsburg spielten „die 155 Kilometer von Menschenhand geschaffenen Wasserläufe daher eine Schlüsselrolle“ bei dem Unesco-Weltkulturerbe [5]. Laut Deutscher Unesco-Kommission zählen „22 Objekte der Technik, Industriearchäologie, Architektur und bildenden Kunst aus über 700 Jahren Stadtgeschichte (…) zu der neuen Welterbestätte“. Hierzu gehören unter anderem mittelalterliche Kanäle und Wasserwerke sowie drei Renaissance-Brunnen. Mit dem Wasserwerk am Roten Tor besitzt Augsburg das älteste Wasserwerk Deutschlands [6].


Das Wasserwerk am Hochablass in Augsburg (Bild: swa/Thomas Hosemann)Das Wasserwerk am Hochablass in Augsburg (Bild: swa/Thomas Hosemann)


Vom genetischen Code und der Wasser-App

Für den Augsburger Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl sei die Lage der Stadt am Zusammenfluss von Lech und Wertach kein Zufall, sondern strategisch wohl überlegt. „Ihre gesamte wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung hat Augsburg dem Wasser beider Flüsse wie auch den reichlichen Trinkwasservorkommen im Stadtwald zu verdanken“, erläutert Dr. K. Gribl im Rahmen einer Pressemitteilung zum Unesco-Weltkulturerbe.

Und Weltkulturerbe-Koordinator Ulrich Müllegger ergänzt: „Wasser ist der genetische Code unserer Stadt, der das Leben zwischen Lech und Wertach seit nun mehr als zweitausend Jahren prägt. Wasser ist ein Thema, mit dem jeder etwas anfangen kann (…)“ [4]. Dies trifft im besonderen Maß auf die Augsburger GI Geoinformatik zu. Deren Geschäftsführer Dr. Klaus Brand ließ in Kooperation mit einer Studentin der Universität Augsburg eigens einen Vorschlag für eine Wasser-App zur Weltkulturerbe-Bewerbung der Stadt entwickeln. Das Ziel lag in der Erstellung einer Web-App und Storymap. App-Entwicklerin Katharina Antonie Schön: „Bei der Erstellung der App habe ich vor allem auf die vom Welterbe-Büro der Stadt Augsburg im Internet bereitgestellten Informationen zum Wassermanagementsystem zugegriffen.

„Die App habe ich auf Basis der Webanwendung WebApp Builder von ArcGIS Online erstellt.“ Für K. A. Schön lag der Vorteil darin, dass sie ohne Codieren und mithilfe vorgefertigter Designs sowie Tools die Wasser-App wie mit einer Art Baukastensystem erstellen konnte. Von der App profitieren Touristen, aber auch Augsburger Bürger. Nach Geoinformatik-Studentin K. A. Schöns Worten informiere die App den Anwender über verschiedene interessante Stationen der Wasseranwendung in Augsburg. „Sei es das Wasserkraftwerk auf der Wolfzahnau im Norden der Stadt, die drei Prachtbrunnen sowie das Wasserwerk am Roten Tor im Zentrum Augsburgs oder der Galgenablass als wichtige Wasserkreuzung des Stadtwalds im Süden“, erklärt K. A. Schön. Mit all den Bauwerken, die quer über die Stadt verteilt sind, erhalten Anwender einen guten Einblick zu Augsburgs Wassernutzung.

Was hier in Augsburg gut funktioniert ist dort, wie das eingangs beschriebene Beispiel Äthiopiens zeigt, eine Tragödie. Wasserknappheit und schlechtes Management obendrein. Mit Blick auf Letzteres muss man das diesjährige Motto des Weltwassertags nachdrücklich hinterfragen: „Leaving no one behind – water and sanitation for all“, sprich: „Niemand zurücklassen – Wasser und Sanitärversorgung für alle“. Den Menschen in den betroffen Regionen dieser Welt helfen solche Sprüche alleine nicht weiter. Denn sie müssen sich zurückgelassen fühlen.


Quellen:

[1] https://www.bmz.de/de/presse/aktuelleMeldungen/2019/maerz/190321_pm_014_Minister-Mueller-zum-Weltwassertag-Klimawandel-verschaerft-weltweiten-Wassermangel/index.html 

[2] https://www.zdf.de/politik/frontal-21/deutsche-entwicklungshilfe-in-aethiopien-100.html 

[3] www.sw-augsburg.de/fileadmin/content/6_pdf_Downloadcenter/4_Unternehmen/swa_Herbst_2019.pdf 

[4] www.wassersystem-augsburg.de/sites/default/files/medien/19_07_06_pm_augsburg_ist_welterbe-stadt.pdf 

[5] www.sw-augsburg.de/magazin/detail/lebensadern-der-stadt

[6] www.unesco.de/kultur-und-natur/welterbe/welterbe-deutschland/augsburger-wassermanagement-system

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