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Im Zentrum steht das Wo

Andreas Eicher
Andreas Eicher 28.05.2018

Kennen Sie Eric Arthur Blair? Richtig, das ist jener George Orwell, der in den 1940er-Jahren das Buch „1984“ schrieb. Der Inhalt lässt sich mit einem totalitären Überwachungsstaat zusammenfassen, in dem die allgegenwärtige Staatspartei herrscht. Hauptdarsteller Winston Smith arbeitet in diesem Apparat und versucht, seine Privatsphäre zu sichern, und sich der permanenten Überwachung, die mithilfe von Teleschirmen und Mikrofonen stattfindet, zu entziehen. Das Buch erschien 1949 zunächst in London.

Big Brother is watching you (Bild: fotolia_goldencow_images)

In einem anderem Buch „Qualityland“ aus dem Jahr 2017 schreibt Autor Marc-Uwe Kling: „Das weltgrößte soziale Netzwerk Everybody – ich, du und everybody – hat damit begonnen, automatisch Everybody-Profile für alle Menschen zu erstellen, die es bisher versäumt haben, ein eigenes Everbody-Profil anzulegen. (…) Um dem neuen Slogan „Everybody is an Everybody“ gerecht zu werden, durchleuchten die Bots des Konzerns das ganze Netz konstant nach Informationen über bislang nicht registrierte Menschen“ [1]. Zwei Bücher, zwei Zukunftsszenarien, ein Thema: die Überwachung durch Maschinen. Was Orwell und Kling vereint, ist die Warnung vor zu viel Macht, eines dauerhaften Durchleuchtens des Beruflichen, des Privaten – bis in unser Denken. Im Grunde geht es um Totalitarismus, dem sich das Individuum nicht entziehen kann.

London heute. An dem Ort, an dem Orwells Buch erschien, ist die Kameraüberwachung seit vielen Jahren Alltag und zugleich allumfassend. Das Wirtschaftsmagazin Brand eins stellt in einem Beitrag zu „Unter Beobachtung“ fest: „Wohl kaum eine Stadt wird so genau beobachtet wie London. Der Staat will wissen, was die Bürger tun.“ Und das Magazin fragt: „Aus Paranoia? Oder zum Wohle aller?“

Fragt man einen Datenschützer, so wird dieser wohl ersteres mit ja beantworten. Ein Vertreter der Stadt tendenziell das „zum Wohle aller“ bejahen. Brand eins: „Nur Gang-Mitglieder und Liberale seien dagegen“ und meinen die Kameraüberwachung [2].

Ob nun Gegner oder Befürworter, eines steht fest: „London gilt als die „CCTV“-Hauptstadt Europas: Wer hier lebt, der weiß, dass er an fast jeder Ecke von einer Kamera gefilmt wird – gleich, ob im Kaufhaus oder im Supermarkt, in der U-Bahn oder auf öffentlichen Straßen und Plätzen“ [3]. Das Motto“ „Viel hilft viel“ ist indes für die Gegner der durchgängigen Überwachung auf Londons Straßen kein Argument. Sie sehen die Kameraüberwachung prinzipiell als sinnlos an. So schreibt „Zeit Online“ in einem Beitrag zu: „Mehr Kameras, gleich viel Unsicherheit“: „Ob man mit dem flächendeckenden Einsatz von Kameras die erhoffte Sicherheit gewinnt, ist nicht klar. Es gibt nur wenige Studien, die untersucht haben, ob Kameras überhaupt Einfluss auf die Kriminalität haben“ [4]. Der Verein Digitalcourage kommt zu folgenden Schluss: „Überwachungskameras können keine gründlichen Ermittlungen ersetzen. Mehr noch: Die neuen Sicherheitstechniken beruhen oft auf bloßer Überwachung und verletzen somit unsere Grundrechte auf Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung. Derartige Maßnahmen fördern die Errichtung eines Überwachungsstaats und haben – vor allem durch Korrelation mehrerer Datenbanken – erheblichen Einfluss auf unser Verhalten“ [5].

Location Intelligence und das Wo

Was bei staatlicher Überwachung vielfach in der Kritik steht, wird im Wirtschaftsumfeld längst im großen Stil umgesetzt. Die Rede ist von „Location Intelligence“ (LI), das heißt Auswertungen mithilfe von Geodaten und dem Raumbezug. Doch was bedeutet LI genau? „Location Intelligence: The End of GIS As We Know It“, ist der Titel eines jüngst veröffentlichten Blogbeitrags von „Carto”, einem 2012 gegründeten Unternehmen, das sich auf das Thema Location Intelligence spezialisiert [6]. Dem Blogbeitrag folgend sei Location Intelligence die Weiterentwicklung für Unternehmen, die bis dato proprietäre Legacy-Systeme (Altsysteme) zur Visualisierung geographischer Informationen einsetzten. Die Frage, was Location Intelligence (LI) bedeutet, beantwortet Carto, dass Location Intelligence mehr als nur eine Analyse von Geodaten oder Geoinformationssystemen sei. „Es ist die Fähigkeit, räumliche Daten zu visualisieren, um Beziehungen zu identifizieren und zu analysieren“ [7]. Für das Technologieunternehmen Pitney Bowes steckt hinter LI-Lösungen die Ergänzung zu Business Intelligence durch die Beantwortung der Frage „Wo“ etwas passiert. Die Firma Antares hebt ebenfalls auf das „Wo“ ab: „Traditionelle BI Softwarelösungen geben vereinfacht Antworten auf das „Wer, Was und Wieviel“. Die Frage nach dem „Wo“ wird aber häufig nicht gestellt. Dabei ist eine objektive Bewertung nur möglich, wenn man alle wichtigen Einflussgrößen und damit auch den Raumbezug berücksichtigt“ [8].

Hinter der Antwort nach dem „Wo“ etwas passiert, stecken oftmals Location-Intelligence-Ansätze (Bild: fotolia_magele-picture)

Galigeo sieht die „Fähigkeit, regelmäßig Geschäftsdaten mit ihrem Standort visuell zu verknüpfen, als wesentliches Merkmal von LI, um Faktoren wie die zugrunde liegende Nähe und Umgebungsbedingungen analytisch zu betrachten [9]. Und Jens Lappoehn, Geschäftsführer bei Telefónica Germany Next, beschreibt Location Intelligence wie folgt: „Mit Location Intelligence sind Unternehmen und Organisationen in der Lage, ortsbezogene Entscheidungen auf einer viel besseren Informationsgrundlage zu treffen als noch vor einigen Jahren. Big-Data-Analysen von vorher nicht verfügbaren Datenklassen, wie anonymisierten Mobilfunkdaten, erschließen sehr genaue Erkenntnisse über Besucherfrequenz und -demographie an einem Point of Interest.“ Das Wirtschaftsmagazin Forbes wiederum schreibt mit Blick auf das „Internet of Thinks“, dass LI ein integraler Bestandteil neuer Geschäftsmodelle und Ansätze werde, um Erkenntnisse zu gewinnen, die zuvor nicht zugänglich waren. Forbes nimmt hierbei Bezug auf die Studie „Location Intelligence Market Study“ des Unternehmens Dresner Advisory Services von 2018. Demnach setzen neben staatlichen Stellen vor allem Telekommunikationsunternehmen, der Finanzdienstleistungssektor sowie der Bereich Handel heute bereits auf Location Intelligence [10].


Datenanonymisierung bei Telefónica Next

Wie das Unternehmen Telefónica Next aus anonymisierten Mobilfunkdaten (TÜV-geprüfte Anonymisierungsverfahren bzw. die Möglichkeit der Abmeldung von der Datenanalyse) Erkenntnisse über Bewegungsmuster in Deutschland gewinnt, die heute unter anderem für die Verkehrsplanung im ÖPNV, im Bereich „Neue Mobilität“ sowie im Handel genutzt werden, können Interessenten hier nachlesen: analytics.telefonica.de


Die Analyse-Euphorie und der Mensch

Datensammler wie Facebook, Google und Amazon vermessen auf ihre Art die Welt neu. Sie erstellen Persönlichkeitsprofile und durchsuchen riesige Datenmengen auf Muster und Korrelationen, um Voraussagen in Echtzeit zu ermöglichen. Diese Analysemethoden versprechen Behörden, Unternehmen und Forschern einen gezielten Blick in die Kristallkugel. Am Ende geht es um exakte Prognosen zukünftiger Entwicklungen. Mehr noch geht es darum, das Wissen in Organisationen strukturiert zu nutzen. Fast vier Milliarden Menschen sind rund um den Globus im Internet. Sie produzieren permanent Daten über ihre Smartphones, smarte Uhren, vernetzte Navigationsgeräte und Autos, Heizungen oder beim Einkauf mit der Kreditkarte. Online-Händler kennen unsere Wünsche. Aus Twitter-Nachrichten lassen sich politische Einstellungen sehr gut ableiten, können Meinungen manipuliert werden. Aus Daten und Algorithmen lassen sich potenzielle Straftaten antizipieren, bevor sie überhaupt geplant oder begangen wurden. Hinter allen Technologien stecken Analyse-Methoden – vielfach auch auf Basis von Geoinformationen. Antworten auf die Fragen nach dem „Wo und Warum?“ werden für Organisationen in allen Branchen und Bereichen immer wichtiger. Doch bei allen Digitalisierungsbestrebungen gilt es zu bedenken, dass neben der Big-Data- und Analyse-Euphorie, Informationen kritisch zu hinterfragen sind. Das heißt, Algorithmen müssen weiterhin von Menschen mit ihren Kompetenzen analysiert werden, um solide Interpretation zu erhalten und daraus klare Handlungsempfehlungen abzuleiten. Das ist per se nicht einfach, auch weil zu den technischen Möglichkeiten der Mensch kommen muss, um Daten richtig zu interpretieren. Und damit schließt sich der Kreis. Der Mensch kann sich der Digitalisierung, Vermessung und Überwachung nicht mehr entziehen. Von daher liegt seine Chance darin, das Thema nicht wenigen Unternehmen oder staatlichen Stellen zu überlassen, sondern sich aktiv in den Veränderungsprozess einzubringen. Andernfalls halten Orwells und Klings Visionen schneller als vielleicht gewünscht in Einzug in die reale Welt.


Quellen:

[1] Kling, Marc-Uwe: Qualityland, Ullstein Buchverlage. Berlin 2017 (Klappentext)

[2] https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2014/beobachten/unter-beobachtung

[3] http://www.deutschlandfunk.de/videoueberwachung-in-grossbritannien-millionen-kameras-und.795.de.html?dram:article_id=374702

[4] https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2013-04/videoueberwachung-panopticon/seite-2

[5] https://digitalcourage.de/themen/smart-everything/smart-security-leben-hinter-einer-mauer-aus-algorithmen

[6] https://carto.com/blog/location-intelligence-end-of-gis-as-we-know-it/

[7] https://carto.com/blog/what-is-location-intelligence-and-its-benefits/

[8] https://www.antares-is.de/essential_grid/geo-location-intelligence/

[9] https://www.galigeo.com/de/blog/location-intelligence-definition/

[10] https://www.forbes.com/sites/louiscolumbus/2018/02/11/what-new-in-location-intelligence-for-2018/#3d52087414b5

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