Von allem zu viel und doch zu wenig

Andreas Eicher

Mitte Oktober startet die Intergeo 2002 in Essen. Die Fachmesse ist ein wichtiger Gradmesser für die Bereiche Geodäsie, Geoinformation und Landmanagement. Wenn auch im Vergleich zu den „großen“ Digitalisierungsthemen noch immer eine Nische, erfüllt die Geo-IT-Welt doch eine wichtige Funktion in allen Branchen. Von daher dürfte es kaum verwundern, dass die dreitägige Intergeo (18. bis 20. Oktober 2022, Messe Essen) für die Wissenschaft und Wirtschaft ein Stelldichein bedeutet. Im Rahmen dieses branchenweiten „Rendezvous“ können Forschungsergebnisse sowie Soft- und Hardware präsentiert werden, zeigen sich Hochschulen und Unternehmen von ihrer besten Seite.

Wo grün drauf steht ist nicht zwingend Nachhaltigkeit drin. Da bildet die Geo-IT-Branche keine Ausnahme. Bild: stock.adobe.com (j-mel)

Wo grün drauf steht ist nicht zwingend Nachhaltigkeit drin. Da bildet die Geo-IT-Branche keine Ausnahme. Bild: stock.adobe.com (j-mel)

Im Grunde nichts Neues, denn eine Messe ist teils auch ein Schauplatz der Eitelkeiten mit modernen „Marktschreiern“, die ihre Waren anpreisen. Das ist menschlich und wirtschaftlich verständlich und doch stellt sich auch die Frage: Wer braucht all die Lösungen mit ihren erweiterten Funktionen, Updates und Versionen? Die Antwort dürfte unterschiedlicher nicht sein, je nach Betrachtungsweise und woher die Antworten kommen. Klar ist, dass Wissenschaftler ihre jeweiligen Forschungsergebnisse veröffentlichen möchten. Anders formuliert heißt das: Der Forscherdrang nach wissenschaftlicher Erkenntnis ist ungebrochen. Das ist gut und wichtig, wenn es denn mehr als Elfenbeinturmprojekte sind. Die Wissenschaft muss in unseren Zeiten mehr denn je auf eine Übertragbarkeit in die Praxis und den Alltag aus sein. Zu groß ist der Konkurrenzdruck unter den Forschungseinrichtungen mit gefühlt mindestens einer Hochschule in jeder zweiten Stadt. Wer hier nur forscht, um zu forschen, wird über kurz oder lang das Nachsehen haben. Im Grunde geht es dabei auch um das große Bild in einer komplexen Welt. Detailverliebtheit und reines Spezialwissen führen nicht selten in eine Sackgasse, machen Komplexes im Zweifel noch komplexer. So stellt sich die Frage, ob beispielsweise eine Antwort auf die bessere Verknüpfung von GIS und Building Information Modeling (BIM) zielführend ist.

Für Unternehmen wiederum dürfte die Antwort in ihrem Produkt- und Dienstleistungsportfolio liegen. Das unterscheidet sich je nach Lesart von Unternehmen zu Unternehmen. Und doch liegen die Unterschiede – was die Hardware und Software betrifft – meist nicht weit auseinander. Denn was Firma A anbietet, hat Firma B in einer ähnlichen Version gleichfalls am Start. Nun wollen Unternehmen verkaufen und leben inmitten eines permanenten Wettbewerbs von Produktversprechen der Einzigartigkeit, des Besonderen, neuen Features, Kundenbindungsprogrammen und so weiter. Da unterscheiden sich Geo-IT-Firmen nicht von anderen Branchen. Was den IT-Markt per se von anderen Wirtschaftsbereichen unterscheidet, ist, dass mit jeder Software, mit jeder Applikation ein neuer Markt geöffnet wird. Denn jede Digitallösung verspricht neue Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Die fangen bei Schnittstellen an und hören bei Security-Fragen noch nicht auf. Zusammengefasst bedeutet das: Jede Lösung braucht eine neue Lösung. Damit ist die IT-Branche eine Art „Perpetuum mobile“, die sich permanent selbst antreibt.

Das ist praktisch, denn Städte, Kommunen und andere Unternehmen sind auf das Funktionieren von Soft- und Hardware angewiesen. Ein Ausfall bedeutet Stillstand und Stillstand können sich die Beteiligten nicht leisten. Und so braucht es immer mehr Lösungen. Oder anders formuliert: von allem zu viel und doch zu wenig.

Dass dieser Weg nichts Gutes verspricht, das steht außer Frage. Denn in Zeiten knapper werdender Ressourcen und Dauerdiskussionen um mehr Nachhaltigkeit müssen auch IT-Unternehmen mehr in die Zukunft denken – ohne Marketingfloskeln und haltloser Green-IT-Versprechen. Von daher sollte es verstärkt um nachhaltige Lösungen gehen, die einen wirklichen Mehrwert für Städte, Kommunen, Unternehmen und letztendlich die Menschen bieten. Das heißt: Weniger ist manchmal mehr. Ein Thema, das uns zukünftig viel stärker beschäftigen muss und wird – abseits des smarten, demaskiert als clever und gewitzt. Denn es geht um ein intelligentes Vorgehen und um das große Ganze im Sinne echter Nachhaltigkeit. Helfen können an dieser Stelle unter anderem digitale Zwillinge, ein zentrales Thema im Rahmen der Intergeo 2022. Deren Vernetzung sowie die Möglichkeiten eines Gesamtsystems für Städte und Kommunen, aber auch für die Industrie eröffnen neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Mehr noch bieten Digital Twins neue Formen des Austauschs von Informationen und der Analyse, aber auch der Einbindung möglichst vieler Planer und Stadtverantwortlichen sowie von Bürgern in Entscheidungsprozesse. Denn am Ende geht es um nachhaltige Wege für unsere Zukunft. Und daran müssen sich Wissenschaft und Wirtschaft messen lassen. Heute mehr denn je.