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Ressourcenschonend und nachhaltig: das Bauen im Bestand

Andreas Eicher
Andreas Eicher 13.12.2021

„Wir haben uns Gewaltiges vorgenommen. Wir wollen 400.000 Wohnungen bauen, jedes Jahr. Und wenn wir gleichzeitig die Klimaziele erreichen wollen, müssen wir das klimagerecht machen.“ Eine Aussage von Klara Geywitz. Klara wer? Das fragen sich jetzt sicher einige Leser. Zur Orientierung: K. Geywitz ist doppelt neu – sprich neue SPD-Spitzenpolitikerin im Kabinett von Bundeskanzler Olaf Scholz. Gleichzeitig leitet sie das neue Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen. Damit bekommt das Thema Bauen und Wohnen endlich wieder den Stellenwert, den es als eigenes Ministerium braucht.

Das heißt, es dümpelt nicht mehr nur als Anhängsel bei einem anderen Ministerium mit, wie zuletzt beim Bundesinnenministerium um Horst Seehofer. Zumindest auf dem Papier. Denn neben bezahlbaren Wohnungen fehlt es seit Jahren an einem ganzheitlichen Vorgehen, um dem Thema Klimaschutz Rechnung zu tragen. Nach Aussagen des Statistikportals „Statista“ belief sich die „Anzahl der fertiggestellten Wohnungen in Wohn- und Nichtwohngebäuden (...) hierzulande im Jahr 2020 auf rund 306.000 Einheiten“. Und weiter heißt es: „In den vergangenen knapp 20 Jahren ist ein deutlicher Rückgang der Baufertigstellungen zu Zeiten der Weltfinanzkrise zu erkennen. Seit dem Jahr 2010 nahm die Anzahl der fertiggestellten Wohnungen jedoch wieder kontinuierlich zu.“ Ob das angestrebte Ziel von 400.000 neuer Wohnungen pro Jahr erreicht werden kann, bleibt abzuwarten. Denn die Statista-Zahlen beinhalten ja auch „Nichtwohngebäude“.

Ressourcenintensiver Wirtschaftssektor sucht nach mehr Nachhaltigkeit

Hinzu kommt eine weitere Herausforderung und die lautet, nachhaltiges Bauen. Laut Umweltbundesamt, kurz UBA, gehört der „Bausektor (…) zu den ressourcenintensivsten Wirtschaftssektoren“. In Zahlen ausgedrückt heißt das: Alleine 2013 wurden nach Informationen des Statistischen Bundesamts 534 Millionen Tonnen an mineralischen Baurohstoffen eingesetzt. Die Bauingenieurin und Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Universität Siegen, Lamia Messari-Becker spricht von „30 % der CO2-Emissionen, 60 % des Abfallaufkommens, 40 % des Energie- und Ressourcenverbrauchs und 70 % der Flächenversiegelung“, die auf die Baubranche zurückzuführen seien.  Gleichzeitig bedeute der Gebäude- und Infrastrukturbestand nach Ansicht des UBA ein bedeutendes, menschengemachtes Rohstofflager mit rund 28 Milliarden Tonnen (Stand 2010). Diesen „Rohstoffschatz“ gilt es zu bewahren und vor allem nach dem Lebensende eines Hauses, einer Brücke oder Straße dem Recycling zuzuführen. Zusammengefasst heißt das: Ein ressourcenintensiver Wirtschaftssektor sucht nach mehr Nachhaltigkeit.

Den Abriss hinterfragen

Diese Dimensionen vor Augen wundert es nicht, wenn nach Ansicht von „Architects for Future Deutschland“ eine grundsätzliche Überlegung im Mittelpunkt stehen muss. Die lautet: „Hinterfragt Abriss kritisch.“ Die „Zukunftsarchitekten“ sehen gleichfalls die Baubranche als Hauptverursacher für den enormen Ressourcen- und Energieverbrauch in Deutschland. So heißt es: „Nicht nur werden wertvolle und schwindende Ressourcen bei einem Abriss und Neubau verschwendet, sondern auch bedeutend mehr Energie.“ Und weiter schreiben sie: „Bei der Betrachtung der Energiebilanz des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes fällt auf, dass durch die Bewertung von grauer Energie eine Sanierung jedem Neubau, selbst dem von Passivhäusern, vorzuziehen ist.“ Das Online-Magazin Klimareporter sieht indes einen Trend in Städten, „noch relativ junge Gebäude abzubrechen, um sie durch Neubauten zu ersetzen“. Ein Resümee: „Viele alte Gebäude werden heute abgebrochen, obwohl sie modernisiert werden könnten.“ Nach Klimareporter-Informationen trifft dies „besonders häufig (…) die Architektur der 1950er- und 1960er-Jahre“. Die Gründe? „Mehr Wohn- oder Bürofläche, größere Räume, mehr Rendite“. Nach dem Dafürhalten von Stefan Petzold, Referent für Siedlungsentwicklung und Stadtnatur, Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU), sollten Bestandsobjekte und Materialien so lange genutzt werden, wie sie verwendet werden könnten. „Das würden die CO2-Bilanz und Abfallmengen, zu denen der Bausektor einen erheblichen Anteil beisteuert, deutlich reduzieren“, erklärt der NABU-Referent.


Unter dem Titel: „Grünflächen – ein wichtiger Partner gegen die Klimakrise“ finden Sie in der gis.Business 6/2021 ein ausführliches Interview mit S. Petzold vom NABU.

Bauen im Bestand: Zeit, Kosten und die Bestandsanalyse

Damit das Bauen im Bestand nicht zum Nachhaltigkeitsdesaster oder einer Ressourcenverschwendung führt und letztendlich zu einem finanziellen Grab wird, müssen von Beginn an die viel beschworenen Prozesse stimmen. Das heißt: Wer den Erhalt des Bestands nachhaltig plant und im Sinne ressourcenschonender Bauweisen umsetzen möchte, sollte sich auf den Zeit- und Kostenfaktor verlassen können. Wichtig ist vor allem eine detaillierte Bestandsanalyse beim Bauen im Bestand, um Überraschungen zu vermeiden. Um zu einer umfassenden Datenlage im Bestandsbau zu gelangen, setzen Forscher der Fachhochschule Bielefeld auf das Building Information Modeling (BIM) im Bestand – kurz „BIMiB“ Dabei geht es um automatisierte Aufnahmen und Analysen der Tragsysteme (BIMiB Tragsystem). Hierzu heißt es: „Im Gegensatz zur Situation bei Neubauten sind bei Baumaßnahmen im Bestand die Kenntnisse über die bestehenden Bauwerke in der Regel unvollständig.“ Und weiter: „Es wird daher ein System entwickelt, das aus 3D-Punktwolken und digitalisierten Papierplänen mit Methoden des Machine Learning exemplarisch ausgesuchte wichtige Tragwerksstrukturen von Bestandsbauten automatisiert erkennt und in einem semantischen Metamodell plausibilisiert.“ Das Projekt, unter anderem mit Beteiligung des Unternehmens Hochtief Vicon, läuft bis April 2023 und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt.

Ein weiteres BIM-Projekt namens „BIMKIT“ setzt auf das Ziel, Künstliche-Intelligenz-(KI-) und Cloud-Technologien „als Schlüsseltechnologien der Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung für die Bauwirtschaft nutzbar zu machen“. Gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie steht das Vorhaben unter dem Slogan: „Bestandsmodellierung von Gebäuden und Infrastrukturbauwerken mittels KI zur Generierung von Digital Twins“. Dabei geht es unter anderem darum, Gebäudeinformationen, wie 2D-Pläne, Punktwolken sowie Textdokumente, mithilfe von KI-Verfahren auszuwerten. Schlussendlich sollen die Daten in einem konsistenten sowie transparenten „BIM-basierten Bestandsmodell“ einfließen. Nach Ansicht der BIMKIT-Verantwortlichen sind Bestandsmodelle von Gebäuden und Infrastrukturen die Voraussetzung, um vielfältige Aufgaben und Dienstleistungen in der Bau- und Immobilienwirtschaft zu bewältigen. Sei es bei der Instandhaltung und dem Umbau von Gebäuden und von Infrastrukturbauwerken, der Wartung technischen Anlagen bis zum ganzheitlichen Energiecontrolling. Und diese vielfältigen Aufgaben und Dienstleistungen in der Bauwirtschaft brauchen mehr Bündelung und vor allem ein koordiniertes Vorgehen. Ob das neue Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen das hinbekommt oder mehr Baustellen hinterlässt, wird die Zukunft zeigen.

3876 - Ressourcenschonend und nachhaltig: das Bauen im Bestand