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Nachholbedarf beim Sitzen

Andreas Eicher
Andreas Eicher 29.06.2021

Zeit Online titelte 2018: „Die neue Bankenkrise“ und führt an: „In vielen deutschen Städten klagen vor allem ältere Bürgerinnen und Bürger über fehlende Sitzgelegenheiten. Ist es wirklich so schwer, das zu ändern?“ Scheinbar ja. Denn die Corona-Pandemie hat das bestätigt, was sich seit Jahrzehnten in unseren Städten abzeichnet. Ein zu viel an Kommerz, ein zu wenig an Ruhe, Rast und Müßiggang. Davon betroffen sind nicht nur ältere Menschen, sondern auch Jüngere, Mittellose und einfach nur die, die schlicht Flanieren wollen.

Wer in den letzten zwölf Monaten in unseren Städten unterwegs war, stand sicher auch das ein oder andere Mal vor der Frage: Wo sitzen, um etwas zu essen und zu trinken oder einfach nur, um zu lesen oder sich auszuruhen? Denn Cafés und Restaurants waren geschlossen oder durften Gerichte und Getränke nur außer Haus verkaufen. Infolgedessen mussten wir in Ermangelung an Rastplätzen in unseren Städten vielfach stehen – das Essen in der einen, die Einweggabel in der anderen Hand. Dieser kleine Ausschnitt der Corona-Pandemie wäre nicht so schlimm, würden genügend Bänke und Stühle in unseren Zentren zur Verfügung stehen. Doch Fehlanzeige. So kommt der eingangs erwähnte Zeit-Beitrag zu dem Schluss: „Bundesweit gibt es offenbar einen großen Nachholbedarf im Sitzen.“ Und weiter wird in dem Artikel Anette Schneider mit den Worten zitiert: „Wer einfach nur einen Moment sitzen möchte, der muss in ein Café gehen − also dafür zahlen.“ Und wenn unsere Bars, Cafés, Restaurants und Shopping-Meilen geschlossen sind, zeigt sich das wahre Ausmaß der ganzen Misere, nämlich eine oft unzureichende Möblierung in unseren Innenstädten.

Scheinbar bürgernah und defensive Architektur

Dieser Zustand steht eigentlich im Widerspruch zu unseren hoch gefeierten (smarten) Städten, digital, eng vernetzt und scheinbar bürgernah. Doch nichts davon ist bürgernah, wenn Menschen in Städten keinen Platz zur Rast finden. Ganz im Gegenteil: Solch eine Strategie ist nicht bürgerfreundlich. Nicht umsonst wird seit Jahren an vielen Stellen in Städten der öffentliche Raum mit einer sogenannten „defensiven Architektur“ ausgestattet. Hierzu zählen dann beispielsweise auch Parkbänke, die so konzipiert werden, um ein längeres Verweilen zu verhindern. Städte und Kommunen möchten so unter anderem verhindern, dass Obdachlose sich an diesen Ruhepunkten zu lange aufhalten. Deutschlandfunk Kultur hierzu: „Wenn heute noch irgendwo Bänke stehen, sind es meist platte Dinger aus Metall.

Ohne Rückenlehne. Ohne Armstützen. Unterteilt in drei oder vier Sitze, damit sich ja keine Obdachlose auf sie legen können.“ Doch wohin mit ihnen? Eine Antwort bleiben viele Architekten, Stadtplaner und Verantwortliche in den Rathäusern schuldig. Denn das Problem wird verlagert in die Vorstädte und Randbezirke.

Vom unsozialen Akt und einer Gesellschaft auf Nutzen ausgerichtet

Ein zutiefst unsozialer Akt der zeigt, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen in Innenstädten unerwünscht sind. Damit wird der öffentliche Raum zur Farce, weil er vermehrt dem Kommerz dient. Das heißt: Wer Geld hat, darf konsumieren und damit auch sitzen. Wer kein Geld hat, der stört – weil er den Verkaufsinteressen des Stadtmarketings, von großen Bekleidungs- und Gastronomieketten, dem schicken Stadtbild im Wege steht. Im weiteren Denken wird so der soziale Gedanke einer Stadt als Treffpunkt unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und -schichten aushöhlt. „Vor allem aber löscht der schleichende Abbau der einst überall aufgestellten Parkbänke die Erinnerung an eine Gesellschaft, die nicht nur auf Nutzen ausgerichtet war. In der die Bank eine solidarische, fürsorgliche Einrichtung für alle war. Eine öffentliche Einladung, sich zu setzen und zu bleiben“, wie es Deutschlandfunk umschreibt. Der digitale Weg zeigt indes in eine wenig intelligente Richtung, zumindest mit Blick auf die Menschen in Städten.

Im Kontrast dazu scheint dem digitalen Erfindungsreichtum an anderer Stelle keine Grenzen gesetzt – von Bürger-Apps mithilfe derer sich defekte Parkbänke melden lassen. Bänke mit WLAN-Anschluss, Solarmodulen und Werbeflächen ausgestattet. Oder dank sprechender Parkbänke. Die erzählen Geschichten über Stadt, Land und Mensch. Doch wer will oder kann diese überhaupt noch hören? In einer auf „smart“ getrimmten Stadt der Zukunft.


Dass der öffentliche Raum nicht nur kommerziellen Interessen dienen muss, das zeigt sich am Beispiel der rumänischen Hauptstadt Bukarest. Die Metropole setzt auch in der Innenstadt auf genügend Parkbänke als einem analogen Rast- und Ruhepol. Einen ausführlichen Beitrag zur digitalen Strategie Bukarests finden Interessenten in der  gis.Business 3/2021.


 

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