Von Monika Rech
Es geht um Nahrung. Um Hunger. Um Leben. Der Sudan ist ein Flächenland, dessen größter Teil in der trockenen Sahelzone liegt. Auch nach der Teilung im Jahr 2011 ist der Sudan noch fünfmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland und immerhin noch drittgrößtes Land Afrikas. Immer wieder kommt es unter anderem durch klimatische Bedingungen zu Ernteausfällen und Hunger. Um die schlimmsten Auswirkungen der Nahrungsmittelknappheit zu verhindern, hat die sudanesische Regierung ein Frühwarnsystem installiert, das auf Grundlage stichprobenartiger Erhebungen funktioniert. Ausgesuchte Landwirte berichten dabei den zuständigen Ministerien über den Status ihrer Anbauprodukte und in dessen Folge über die Erntemengen, die sie erwarten. Ein solches Vorgehen ist Standard, auch in der EU werden Erntemengen über derartige Stichproben abgeschätzt. Im Sudan allerdings liegt ein großer Ungenauigkeitsfaktor darin, dass die Stichproben aufgrund fehlender Statistiken über Bevölkerung und deren Standorte fehleranfällig sind.
Was also konnte man tun, um mögliche Ernteausfälle möglichst weit im Vorfeld und möglichst präzise zu prognostizieren? Jetzt kommen Satellitendaten ins Spiel. Das Projekt Copernicus (ehemals GMES) der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, hat zum Ziel, Erdbeobachtung mithilfe von Dienstleistungen der Geoinformation zu betreiben. Klingt sperrig, meint aber, dass Fragen zum Klimawandel, Nahrungsmittelsicherheit, Katastrophenschutz und Umweltüberwachung generell, mithilfe von Erdbeobachtungmethoden überwacht, prognostiziert, im Blick behalten werden. Kann man also die Fernerkundung zur Überwachung der Ernährungssicherung im Sudan einsetzen? Und wenn ja, wie? So in etwa lautete die Fragestellung, mit der die ESA in ihrem Unterprojekt GMFS (Global Monitoring for Food Security) in diesem konkreten Fall anfragte.
Zehn Jahre Lernen
Herausgekommen ist ein Projekt, das im Jahr 2003 startete und im September 2013 endete. Beteiligt waren insgesamt sieben europäische Parteien, Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen, die ein System installiert haben, mit der die landwirtschaftliche Produktion relativ kleinräumig und schon in den ersten Phasen der Vegetationsentwicklung überwacht werden kann. Ziel war es, schon in einem frühen Stadium des Pflanzenwachstums abzuschätzen, in welchem Rahmen sich die erwarteten Erntemengen bewegen. Sind die Werte im Vergleich zu den Vorjahren stabil, ist alles gut. Weichen sie dramatisch nach unten ab, muss die sudanesische Regierung prüfen, ob eine Warnung ausgesprochen werden muss.
Carsten Haub hat in diesem Projekt für die Eftas Fernerkundung Technologietransfer GmbH über einen Zeitraum von acht Jahren mitgearbeitet. Seine Aufgabe war es, ein System aufzusetzen, mit dem die sudanesischen Sacharbeiter im Agrarministerium ohne Spezialkenntnisse in der Fernerkundung landwirtschaftliche Flächen erkennen und deren potenzielle Erntemengen aus den Satellitenbildern interpretieren können. Haub erklärt, dass Fernerkundungsmethoden im Kontext der Ernährungssicherung selbstverständlich nur ein zusätzlicher Informationskanal für die Verantwortlichen im Agrarministerium sein kann. Vor-Ort-Kontrollen und das stichprobenartige Vorgehen sei damit nicht zu ersetzen. Und dennoch: Die Satellitendaten (Landsat, Spot, Sentinel, SpotVGT) liefern Geländeauflösungen von einem Kilometer bis zu 20 Meter. Daten, die besonders kleinräumige Ergebnisse liefern, kommen in längeren Intervallen in der ackerbaulichen Saison zum Einsatz, die kleinmaßstäbigeren werden im zehn Tage Rhythmus aktualisiert. „Mit den Satellitendaten spielen wir indirekt und über Bande“, so Haub. Er meint damit, dass Satellitendaten nur Indizien liefern, und dass der erfasste Raum selbst mit einer so genauen Auflösung von 20 Metern immer noch Interpretationsspielräume lässt.
Den Blick geschärft – Carsten Haub setzt zusätzlich zu Satellitenbildern auf Kontrolle vor Ort. Quelle: privat.
Am Ende zählt die möglichst frühzeitige Information darüber, welche Erntemengen zu erwarten sind. Dazu hat Eftas ein Informationssystem ALIS (Automated Landscape Interpretation System) entwickelt, mit dem die Sachbearbeiter vor Ort arbeiten können. Haub war bei den Trainings in Khartum dabei, die die sudanesischen Partner in die Lage versetzen sollten, die Anwendung professionell zu nutzen.
Haub ist besonders stolz darauf, dass das Projekt im Sudan gleich mehrfach Früchte zeigt. Erstens funktioniert die Anwendung unter den gegeben Rahmenbedingungen. Das klingt banal, ist aber nicht selbstverständlich. „Zum Teil haben die Verantwortlichen Rechner mit Kapazitäten, die hier jedes Smartphone übertrifft. Darauf mussten wir das Tool ausrichten“. Das System läuft und wird genutzt. Das ist Punkt eins. Zum Zweiten, hat das Agrarministerium in den vergangenen Jahren sogar zwei junge Frauen an der Universität in Khartum zu Geoinformatikerinnen ausbilden lassen und hat mit ihnen eine eigene GIS-Abteilung begründet. Und es geht weiter: Als nächstes gilt es, das Thema Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Landwirtschaft in die Analysen rund um das Thema Nahrungssicherheit einzuflechten.
Das Informationssystem ALIS hilft den Verantwortlichen vor Ort bei der Interpretation der Satellitendaten. Quelle: Eftas.
Alle Beteiligten, so auch Eftas, werden auch in Zukunft in Nachfolgeprojekten weiter am Thema Fernerkundung und Nahrungssicherung im Sudan dran bleiben. Ziel ist es, Methoden der Fernerkundung dort einzusetzen, wo sie sinnvoll sind, um politische Entscheidungen besser zu fundieren.
Weitere Informationen: www.eftas.com und www.gmfs.info