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Vom Pferd zum Auto zur Mobilität der Zukunft

„2-50-75-80”. So lautet die Formel, mit der Audi das Thema „Smart City und Shared Mobility“ umfasst. Auf den Seiten des Automobilherstellers heißt es hierzu: „Vier Zahlen – eine große globale Herausforderung: 50 Prozent der Menschen leben auf nur zwei Prozent der Erdoberfläche, verbrauchen aber 75 Prozent der weltweiten Energie und sind für 80 Prozent der Emissionen verantwortlich.“ Für Audi bedeutet das: „Wenn unsere Städte nur ein bisschen effizienter werden, hat das bedeutende globale Auswirkungen. Mit Shared Mobility, autonomen Fahrzeugen und dem Internet der Dinge kann eine Stadt zur Smart City werden.“

Dass dieser Glaube an diese Mobilität der Zukunft nicht immer vorhanden war, dafür genügt ein Blick zurück auf die letzten 90 Jahre. Denn diese Jahrzehnte waren geprägt von der Perspektive des Autofahrers. So erklärte es jüngst Lutz Morich im Rahmen der Münchner GI-Runde, einer zweitägigen Veranstaltung, durchgeführt vom Runden Tisch GIS e. V. (siehe Infokasten, Anm. d. Red.). „Mobilität – Neue Perspektive(n) für die Automobil-Industrie“, so titelte L. Moritz seinen Vortrag. Ein Thema, in dem er sich auskennt, schließlich ist er Audi-Manager und Koordinator des Projekts „SAVe“. Letzteres, sprich „SAVe“, heißt „Funktions- und Verkehrs-Sicherheit im Automatisierten und Vernetzten Fahren“ und ist ein Kooperationsprojekt unter der Federführung von Audi. Unter dem Kooperationsdach finden sich weitere Partner ein – sei es die 3D Mapping Solutions, Virtual City Systems oder die Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Der Deutschen „liebstes Kind“

Um auf die lange Erfolgsgeschichte des Autos zurückzukommen: Die Sicht durch die Autofahrerbrille beherrschte fast ein Jahrhundert unsere Straßen und letztendlich den Weg der Mobilität. Eine Einbahnstraße, den der Deutschen „liebstes Kind“ wurde über die Jahrzehnte gepflegt und verhätschelt. Das ganze Treiben um den Autofahrertraum manifestierte sich in teils skurrilen Sprüchen, wie dem nach der freien Fahrt für freie Bürger. Dabei war das Erfolgsmodell Auto nicht von Beginn an auf der Überholspur. Startschwierigkeiten und ein steiniger Weg zeichneten die Entwicklungen vom Dampfkraftwagen über das Elektroauto bis zum Verbrennungsmotor. Selbst Kaiser Wilhelm II. zweifelte am Erfolg des Gefährts: „Ich glaube an das Pferd, das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Dass der letzte Deutsche Kaiser mit dieser Aussage falsch lag, das zeigte sich bereits während dessen Regentschaft. Mehr noch vollzog Wilhelm II. keinen Perspektivenwechsel hin zum aufkommenden Fortbewegungsmittel der Zukunft. Einer Zukunft des Autos, eingeläutet vom US-Amerikaner Henry Ford im Jahr 1913 und der Akkordfertigung der Autoproduktion via Fließband.

Perspektivenwechsel und zu viel individuelle Mobilität

Zurück in die Zukunft und den Blick auf die kommenden Herausforderungen des Autos und die damit verbundene Mobilität gerichtet. Denn die Zeiten ändern sich, und damit wandelt sich der Blickwinkel im Mobilitätsumfeld. So stehe die Autoindustrie nach L. Morichs Worten vor der Aufgabe eines Perspektivenwechsels. „Mobilitätsanbieter müssen die Systemgrenzen ihres Denkens und Handelns zukünftig sehr viel weiter öffnen als das heute der Fall ist“, erklärt L. Morich. Die Krux: Zu viel individuelle Mobilität verhindert die Gesamtmobilität, was sich beispielsweise an Verkehrsstaus in den Städten zeigt. Auf den „SAVe“-Projektseiten liest sich das so: „Durch den Drang nach individueller Mobilität verdichtet sich der Verkehr immer weiter. Je dichter und intensiver der Verkehr ist, desto eingeschränkter wird die Mobilität. Das erleben Menschen in Großstädten täglich. Selbst in der ‚kleinen Großstadt‘ Ingolstadt kann die Teilnahme am Verkehr längst nicht mehr als wirkliche Mobilität bezeichnet werden.“ Um das zu ändern, entwickelt das Projekt eine „Methodik für ein virtuelles Testfeld am Beispiel Ingolstadt“. Das weitere Ziel: „In der Endausbaustufe (Folgeprojekt) wollen wir ein echtzeitfähiges Gesamtmodell für die Planung und Steuerung der urbanen und suburbanen Mobilität sowie ein komplettes Testfeld auch für Urban Air Mobility (UAM) erstellen.“

Die ganzheitliche Betrachtung

So weit, so gut. Doch grundsätzlich müsse es nach L. Morichs auch darum gehen, neue Mobilitätsvisionen stärker mit dem Städtebau der Zukunft zu verzahnen. Denn schlussendlich geht es um mehr Lebens- und Aufenthaltsqualität in den Städten – abseits des Individualverkehrs mit dem Auto. Wie dies gelingen kann, verdeutlichte L. Morich an zwei Unternehmensbeispielen, die autonome Fahrzeuge und -lösungen bereitstellen. Neben „Zoox“, das zum Amazon-Konzern gehört, sei dies unter anderem „Waymo“, ein Unternehmen in der Alphabet-Gruppe (Google). L. Morich: „Beide Unternehmen haben sich bewusst von der Perspektive der Autofahrer gelöst und nach Mobilitätslösungen für die Städte gesucht.“ Und dabei ist die Mobilität als Gesamtkonzept entscheidend und vor allem die Akzeptanz in der Gesellschaft. Denn ohne die gesellschaftliche Akzeptanz der angebotenen Mobilitätstechnologien werden diese nicht erfolgreich auf die Straße kommen. L. Morich resümiert es wie folgt: „Es reicht nicht aus, nur in den eigenen Produkten und Service-Angeboten, die unmittelbar mit dem Produkt verknüpft sind, zu denken. Stattdessen muss eine ganzheitliche Betrachtung der Mobilität aus der Benutzersicht erfolgen.“ Einen Weg in die richtige Richtung beschrieb L. Morich unter anderem mit einem Blick auf die eingangs beschriebenen Projekte „SAVe“ und dem jüngst begonnenen Folgevorhaben „SAVeNOW“. Diese Projekte haben sich seiner Aussage nach zum Ziel gesetzt, die Voraussetzungen zu schaffen, urbane Mobilität von morgen durch Simulation intelligent planen, entwickeln und steuern zu können. Ob das gelingt, hängt aber nicht nur von technischen Neuerungen, Modellen und automatisierten Mobilitätslösungen ab. Das Ganze fängt bei jedem Einzelnen an. Und das bedarf des Umdenkens der Menschen. Ein zunächst zutiefst analoger Prozess.

 


Die Münchner GI-Runde ...
… tagte in diesem Jahr am 23. und 24. März 2021 als rein digitale Konferenz. Mit ihrer breiten Themenvielfalt – von der vernetzten Mobilität über das Building Information Modeling (BIM) bis zu Normen und Standards sowie Geo-Algorithmen im Big-Data-Umfeld – sorgten die Organisatoren des Runden Tisch GIS e. V. auch in der jüngsten GI-Runde für eine inhaltlich ausgewogene Veranstaltung. Gleichsam war ein gemeinsamer Nenner erkennbar: Denn in allen Bereichen unterstrichen Referenten und deren Inhalte das Voranschreiten der Digitalisierung in der Geobranche. Neben unterschiedlichen Wissenschaftsforen, komplettierten diverse Praxisforen, die Vergabe des Förderpreises für die beste Masterarbeit und Dissertation, als auch des Publikumspreises die knapp zweitägige Münchner GI-Runde 2021.

Weitere Informationen unter rundertischgis.de/veranstaltungen/münchner-gi-runde.html


3619 - Vom Pferd zum Auto zur Mobilität der Zukunft
Red/ae
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