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Zweite DLR-Befragung: Wie verändert Corona unsere Mobilität?

Wie hat sich das Mobilitätsverhalten in Deutschland seit dem Start der Lockerungen der Pandemie-Maßnahmen verändert? Antworten hierauf gibt die zweite repräsentative Befragung des DLR zur Mobilität in Krisenzeiten.

Die erste, Anfang April 2020 in der Phase des Lockdowns durchgeführte repräsentative Umfrage hat deutliche Unterschiede zu der Zeit vor Corona ergeben. Ende Juni/ Anfang Juli folgte die zweite Erhebung. Zu diesem Zeitpunkt waren viele Maßnahmen, die zu Beginn der Pandemie eingeführt worden waren, wieder gelockert. Auf Basis dieser zweiten Befragung des Instituts für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) lassen sich Veränderungen des Mobilitätsverhaltens nach dem Lockdown beschreiben.

Stimmungsbild der Gesellschaft

Das gesellschaftliche Leben hat zum Zeitpunkt der zweiten Erhebung wieder an Fahrt gewonnen. Der Alltag entspricht dennoch nur zu Teilen dem Leben vor Corona. Danach gefragt, was den Menschen in der aktuellen Situation am meisten fehlt, zeigt sich: Am häufigsten werden Unternehmungen aller Art vermisst (30 Prozent aller Angaben), gefolgt vom Fehlen sozialer Kontakte (17 Prozent), dem generellen Vermissen von Normalität und Freiheit (12 Prozent) und schließlich dem Leben ohne Hygienemaßnahmen (10 Prozent). Konzerte, Reisen, das unbeschwerte Treffen von Freunden und Verwandten, Einkaufen ohne Maske - das sind die Dinge, die den Menschen bei der zweiten Befragung am meisten gefehlt haben. Standen in der April-Befragung während des Lockdowns das Fehlen sozialer Kontakte deutlich im Vordergrund, hat sich die Problemwahrnehmung mit Einsetzen der Lockerungen gewandelt. 17 Prozent der Befragten haben zum Zeitpunkt der Befragung nichts vermisst und sind mit der Situation gut zurechtgekommen.

In Bezug auf Corona zeigt sich eine Zweiteilung der Gesellschaft: Einer Gruppe Besorgter (54 Prozent der Befragten) steht eine fast gleich große Gruppe Sorgloser (46 Prozent) gegenüber. Während ein großer Teil der zuletzt genannten Gruppe den gewohnten Alltag der Vor- Corona-Zeit wieder aufgenommen hat, die Berichterstattung zu Corona nicht mehr hören kann, ihr Ansteckungsrisiko für gering hält und Orte mit vielen Menschen nur zu Teilen meidet, bewerten die Besorgten die Lockerungen der Pandemie-Maßnahmen kritisch, informieren sich häufig über die aktuelle Lage und meiden zu 88 Prozent Orte mit vielen Menschen. Die Wahrnehmung der Krise wirkt sich auch auf ihr Mobilitätsverhalten aus.

Mobilitätsverhalten vor, während und nach dem Shutdown

Das Mobilitätsverhalten von Menschen ist durch Routinen geprägt, die sich in deutlichen Verkehrsmittelpräferenzen niederschlagen. Bereits vor Ausbruch des Coronavirus war es für die Hälfte der Befragten normaler Alltag, von den drei Verkehrsmitteln Auto, Fahrrad und ÖV ausschließlich das Auto zu nutzen. Diese monomodale Nutzung des Autos hat während des Lockdowns einen deutlichen Schub erhalten. Auch die kleine Gruppe der Alltagsradler ist in dieser Zeit um die Hälfte angewachsen. An Bedeutung verloren haben dagegen die ausschließliche Nutzung des ÖV und multimodales Verhalten. Die Krise hat damit monomodale, einseitig auf ein Verkehrsmittel setzende Verhaltensweisen befördert, allen voran die Nutzung des Autos.

Ende Juni/ Anfang Juli entspricht das Bild bereits wieder zu weiten Teilen der Ausgangssituation. Der Anteil monomodaler Autonutzung liegt jedoch immer noch fünf Prozentpunkte über dem Ausgangswert. Die Gruppe der ÖV-Nutzer hat nur bedingt zum normalen Alltag zurückgefunden.

Die Mobilität vor Corona entscheidet darüber, wie die Menschen in der Krise unterwegs sind

Das Mobilitätsverhalten in der Krise hängt stark davon ab, welche Verkehrsmittel zuvor im normalen Alltag genutzt wurden. Während die Autofahrer zu 90 Prozent weiter Auto fahren, trifft dies bei den Menschen, deren Alltagsverkehrsmittel der ÖV ist, nur zu 46 Prozent zu. 40 Prozent dieser Gruppe waren entweder nur zu Fuß oder gar nicht unterwegs. Auch die Multimodalen bleiben nur zu 36 Prozent ihrer Verhaltensweise vor Corona treu. Sie nutzen stattdessen die in Bezug auf das Ansteckungsrisiko sicheren Verkehrsmittel: 42 Prozent der Multimodalen haben während des Lockdowns lediglich das Auto genutzt, 12 Prozent nur das Fahrrad.

Dies zeigt: Auch in der Krise sind Alltagsroutinen beharrlich. Menschen beginnen nicht ohne Weiteres neue, bisher nicht genutzte Verkehrsmittel in ihre Alltagsmobilität zu integrieren. Sie variieren vielmehr bestehende Routinen und wählen zwischen ohnehin bereits zu ihrem Verkehrsmittelmix gehörenden Verkehrsmitteln. Alternativen, die vor Corona nicht genutzt wurden, spielen auch in der Krise kaum eine Rolle.

Die Menschen nehmen ihre Mobilität als eingeschränkt wahr

Ende Juni/ Anfang Juli geben 44 Prozent der Befragten an, dass sie in den letzten sieben Tagen weniger beziehungsweise sehr viel weniger Wege zurückgelegt haben als sonst üblich. Sie nehmen ihr Mobilitätsverhalten damit gegenüber der Zeit vor Corona nach wie vor als deutlich eingeschränkt wahr. Bei rund der Hälfte der Personen hat sich das Wegeaufkommen dagegen wieder normalisiert.

Die Verkehrsmittel sind unterschiedlich stark von diesem Rückgang betroffen. Das Auto und das Fahrrad werden von der großen Mehrzeit genauso oft genutzt wie vor dem Ausbruch des Coronavirus; Personen, die häufiger mit Auto und Rad unterwegs sind, halten sich ungefähr die Waage mit Personen, die die Verkehrsmittel nun seltener nutzen. Ein anderes Bild zeichnet sich beim ÖV ab: Rund die Hälfte der Befragten gibt an, seltener und zum überwiegenden Teil viel seltener mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein. Dieses Bild deck sich mit den nach wie vor deutlich reduzierten Fahrgastzahlen im öffentlichen Personennah- und Personenfernverkehr. Die einzige Fortbewegungsart, die in der Krise mehr Zuspruch erhält, ist das Zufußgehen.

Ein Wohlfühlfaktor beim Auto steht einem Unbehagen beim ÖV gegenüber

Die Befragten verbinden zu beiden Erhebungszeitpunkten sehr unterschiedliche Gefühle mit den Verkehrsmitteln. Während mit der Nutzung oder der Vorstellung der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln wie der Bahn, dem Flugzeug, Carsharing-Fahrzeugen und oder den Verkehrsmitteln des öffentlichen Personennahverkehrs ein großes Unbehagen einhergeht, weist das Auto nach wie vor einen deutlichen Wohlfaktor auf. Dieses Empfinden ist im Juni etwas weniger stark ausgeprägt, aber nach wie vor sehr deutlich vorhanden. Ein besonderes Unbehagen wird mit dem Flugzeug verbunden: 31 Prozent der Befragten geben an, sich in einem Flugzeug deutlich unwohler zu fühlen, bei der Bahn und beim öffentlichen Personennahverkehr sind es mit rund einem Viertel etwas weniger. Zusammen mit der Kategorie unwohler verbindet die Hälfte der Befragten negative Gefühle mit der Bahn und dem ÖPNV. Demgegenüber sehen vier Fünftel der Befragten beim PKW keine Veränderung, 16 Prozent fühlen sich dort (deutlich) wohler als vorher. Nach der Nutzungsintensität des ÖPNV unterschieden zeigt sich: Bei Personen, die während der Coronaepidemie häufig mit dem ÖPNV unterwegs waren, ist das Unbehagen besonders stark ausgeprägt.

Maßnahmen zur Verminderung des Ansteckungsrisikos im ÖV werden positiv bewertet

Der ÖPNV ist der große Verlierer der Krise. Maßnahmen zur Vermeidung des Ansteckungsrisikos in Bussen und Bahnen und zur Verringerung des Unbehagens bei ihrer Nutzung werden durchweg positiv bewertet. Am hilfreichsten sind aus Sicht der Befragten eine regelmäßige Desinfektion der Fahrzeuge und die Maskenpflicht. An dritter und vierter Stelle folgen der Einsatz von mehr Fahrzeugen für die Verringerung der Fahrgastanzahl in den Fahrzeugen sowie mehr Personal an Bahnhöfen und Haltestellen, um auch hier zum Beispiel für die Einhaltung des gebotenen Abstands zu sorgen. Auch das kontaktlose Ticketing wird von etwas mehr als 50 Prozent der Befragten für (sehr) hilfreich erachtet. Lediglich die Bereitstellung von Informationen zur aktuellen Auslastung der Fahrzeuge über das Smartphone liegt knapp unter der 50 Prozent-Marke.

Personen, die regelmäßig mit dem ÖPNV fahren (mindestens wöchentlich), schätzen die Maßnahmen nur geringfügig anders ein. Der Einsatz von mehr Fahrzeugen kommt hier vor der Maskenpflicht, die damit auf Platz drei rutscht. Auch wird das kontaktlose Ticketing bei dieser Gruppe für etwas hilfreicher gehalten als der Einsatz von mehr Personal an Bahnhöfen und Haltestellen.

Nach weiteren Maßnahmen gefragt werden zum einen technische Hilfsmittel wie Türautomatik, Trennwände und eine bessere Belüftung genannt. Mit 26 Prozent aller Angaben wird jedoch am häufigsten die Einhaltung der bestehenden Maßnahmen und Kontrollen angeben. Eine kleine Gruppe stört allerdings genau das Tragen der Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln.

PKW-Kaufabsicht bei Personen aus Haushalten ohne Auto

In der Phase des Lockdowns hat rund ein Drittel der Personen aus Haushalten ohne Auto einen eigenen PKW vermisst. Bei der zweiten Befragung ist der Wert auf ein Fünftel zurückgegangen. Vermisst wird das Auto vor allem von ÖV-Nutzer, sie machen 59 Prozent dieser Gruppe aus. Bei 13 Prozent handelt es sich um Personen, die ihren Alltag mit dem Fahrrad bestreiten. Der Rest der Gruppe setzt sich aus Personen zusammen, die entweder nur zu Fuß oder multimodal unterwegs sind.

Zu beiden Erhebungszeitpunkten hatte eine identische Anzahl von sechs Prozent aller Befragten die Absicht, einen PKW zu kaufen. Bei 13 Prozent dieser Personen spielt Corona eine große Rolle bei der Kaufabsicht, bei 59 Prozent untergeordnete Rolle. Nur bei einem guten Viertel hat die Kaufabsicht nichts mit Corona zu tun. Der Kauf eines Autos hängt in der Regel von mehreren Faktoren ab. Corona kann diese jedoch verstärken.

Der Online-Handel gewinnt weiter an Bedeutung

Auch das Einkaufsverhalten hat sich aufgrund der Coronapandemie verändert. Während im April rund zwei Drittel der Befragten seltener im Vergleich zu der Zeit vor Corona oder überhaupt nicht mehr für den täglichen Bedarf einkauften, suchen die Befragten im Juni/Juli wieder ähnlich häufig als zur Zeit vor Corona Geschäfte für den täglichen Bedarf aus.

Dennoch fühlen sich viele Befragte nach wie vor unwohler beim physischen Einkaufen als vor der Pandemie. Bei Bekleidungsgeschäften ist dies besonders stark ausgeprägt: 18 Prozent haben angegeben, dass sie sich in Bekleidungsgeschäften sehr unwohl fühlen (würden) und weitere 31 Prozent fühlen sich unwohl beziehungsweise würden sich unwohl fühlen, wenn sie Bekleidungsgeschäfte aufsuchen würden. Aber auch in Geschäften für den täglichen Bedarf, für Schreibwaren und Bücher, für Unterhaltungselektronik und in Möbelgeschäften fühlen sich rund vier von zehn Befragten unwohler oder deutlich unwohler als vor der Pandemie. Außerdem stimmen rund zwei Drittel der Befragten der Aussage zu, dass Einkaufsbummel aktuell weniger Spaß machen als es vor Corona der Fall war.

Gleichzeitig hält das umfangreiche Ausweichen auf Online-Shopping an. 82 Prozent der Befragten hatten in den vier Wochen vor der Befragung Ende Juni/ Anfang Juli online eingekauft; vor der Corona-Zeit waren dies nur 49 Prozent. Gerade jüngere Erwachsene bis 35 Jahren kaufen sehr häufig online ein: In dieser Altersgruppe haben 43 Prozent mindestens viermal im letzten Monat online bestellt. Ein Drittel der Befragten geht davon außerdem davon aus, dass sie auch in einem Jahr häufiger online einkaufen werden als es vor der Coronapandemie der Fall war.

Personen verbringen ihre Freizeit im Coronasommer anders

Auch Freizeitaktivitäten werden im Juni 2020 im Vergleich zu den Sommermonaten 2019 deutlich seltener durchgeführt. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dabei mit zahlreichen Menschen zusammentreffen. Die Zurückhaltung gegenüber solchen Aktivitäten bezieht sich nicht nur auf Großveranstaltungen, selbst dann, wenn sie im Freien stattfinden, sondern auch auf das Ausgehen in Restaurants, den Besuch von kulturellen Veranstaltungen oder sportliche Aktivitäten in geschlossenen Räumen. Beispielsweise berichteten 47 Prozent, dass sie im Sommer 2019 mindestens einmal pro Monat Restaurants oder Kneipen besucht haben; im Juni 2020 trifft dies nur auf 19 Prozent zu. Hingegen werden Freizeitaktivitäten, bei denen die Wahrscheinlichkeit niedriger ist, auf viele Menschen zu treffen, im Juni 2020 ähnlich oft ausgeübt wie in den Sommermonaten 2019. Beispiele sind sportliche Aktivitäten im Freien (22 Prozent übten diese im Juni 2020 mindestens einmal aus) oder der Besuch von oder das Treffen mit Freunden, Verwandten oder Bekannten (52 Prozent trafen sich im Juni 2020 mindestens einmal).

Auch hier spielt es eine wesentliche Rolle, dass sich viele Befragten bei der Ausübung der Aktivitäten unwohler fühlen als es vor der Coronapandemie der Fall war. Dies trifft besonders auf Aktivitäten in geschlossenen Räumen zu. Hier geben über die Hälfte der Befragten an, dass sie sich unwohler beziehungsweise deutlich unwohler fühlen als vor der Ausbreitung des Coronavirus.

Nach wie vor arbeiten viele von zu Hause aus

Außerdem wurde untersucht, wie sich die Arbeitsmobilität aufgrund von Corona geändert hat. Der Trend zum Homeoffice setzt sich in Deutschland in den Sommermonaten fort. 38 Prozent der im Juni/Juli befragten Berufstätigen berichteten, dass sie teilweise oder immer zu Hause beziehungsweise im Homeoffice arbeiten. Homeoffice wird im Sommer von vielen Befragten jedoch flexibler gehandhabt als im April: Während im April 26 Prozent der Befragten berichteten, dass sie immer von zu Hause arbeiteten, sank dieser Anteil im Juni/Juli auf 17 Prozent. Der Anteil der Berufstätigen, welche die Arbeit im Homeoffice teilweise und gegebenenfalls als flexible Option nutzen, stieg hingegen von sechs Prozent im April auf 21 Prozent im Juni/Juli. In Stadtregionen nutzen etwas mehr Berufstätige die Option, zu Hause zu arbeiten als in ländlichen Regionen: In Stadtregionen arbeiteten im Juni/Juli 39 Prozent teilweise oder immer von zu Hause, während dies im gleichen Zeitraum auf 34 Prozent der Berufstätigen in ländlichen Regionen zutrifft. Dies mag auch an unterschiedlichen Tätigkeitsstrukturen liegen. Zu beachten ist, dass auch Berufstätige ohne Pendelweg in ihrem normalen Alltag vor der Coronapandemie auch in der Gruppe der Personen, die immer im Homeoffice beziehungsweise zu Hause arbeiten subsumiert sind.

Insgesamt bewertet die Mehrheit der Befragten, die im Homeoffice arbeiten, diese Option nach wie vor als positiv. Im Juni/Juli gaben 75 Prozent an, dass sie mit der Umsetzung des Homeoffice insgesamt zufrieden sind; gegenüber der April-Befragung nahm der Anteil um knapp 15 Prozentpunkte zu. Auch der Anteil der Personen, die sich vorstellen können, langfristig vermehrt von zu Hause beziehungsweise im Homeoffice zu arbeiten, hat im Vergleich zu der April-Befragung zugenommen: von 59 Prozent im April auf 70 Prozent im Juni/Juli.

Weitere Informationen unter www.dlr.de

3444 - Zweite DLR-Befragung: Wie verändert Corona unsere Mobilität?
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