Seite weiterempfehlenSeite drucken
28.04.2015 Andreas Eicher

Nächste Ausfahrt: Intelligente Verkehrssysteme

„Wer hat das Kommando?“ titelte im Februar „Die Zeit“ in einem Beitrag zum Thema Auto. Nein, inhaltlich ging es einmal nicht um interne Querelen und Machtkämpfe bei den Autobauern. Der Autor des Beitrags beschäftigte sich vielmehr mit dem Thema „selbstfahrender Autos“ sowie dem Machbaren und den Grenzen bei Roboterfahrzeugen.

Im Grunde arbeiten bereits heute viele Autohersteller an neuen Technologien rund um das Fahren der Zukunft. Hinzu kommen Apple, Google & Co., die sich mit neuen Fahrzeuglösungen und Ideen zur zukünftigen Mobilität auseinandersetzen. Und an dieser Stelle können wir die Frage stellen: Wer hat das Kommando? Die „Platzhirsche“ der klassischen Autowelt oder die neuen internetgetriebenen Unternehmen aus dem Silicon Valley? Die Frage lässt sich nicht einhundertprozentig beantworten. Denn auf der einen Seite kämpfen die Autokonzerne um neue Absatzmärkte in ihrem Kerngeschäft, dem Verkauf von möglichst vielen Automobilen. Und der läuft in Europa eher schleppend. Nicht umsonst weißt das Handelsblatt in einem aktuellen Beitrag darauf hin, dass der „Absatz aber in vielen EU-Ländern noch weit unter dem Niveau vor der Finanzkrise“ liege. Konkret: Rund 3,5 Millionen Fahrzeuge wurden seit Beginn des Jahres auf dem europäischen Automarkt abgesetzt. Und das ist wenig im Vergleich zu den Zahlen vor der Wirtschaftskrise. Wie das Lenkrad herumgerissen werden soll, erklären die klassischen Hersteller mit dem Dauerbrenner „Innovation“. „Ein Schlüssel, um Menschen immer wieder neu vom Automobil zu begeistern, sind Innovationen“, so BMW-Vorstandsvorsitzender Norbert Reithofer jüngst in der Unternehmerzeitung „Wirtschaftskurier“. Und Daimler spricht per se von „Innovation als Tradition“ und der „Innovationsgeschichte“.

Apropos Innovationen. Andererseits versuchen Internetgiganten mit dem „Internet der Dinge“ und einer zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung in alle Bereiche des privaten und beruflichen Lebens vorzudringen. Ihr Hauptmotiv? Informationen sammeln. Und doch sehen Experten, dass es zwischen klassischen Autobauern und IT-Firmen mittelfristig zu einer stärkeren Zusammenarbeit kommen wird. Und die ist auch geboten, bei einem Blick auf die Herausforderungen in puncto eines zunehmenden Personenverkehrs, eines sich ändernden Fahrverhaltens der jungen Generation und den technischen Herausforderungen in den Hightechautos der Zukunft.

Mehr Verkehr, weniger Ressourcen

Über 43 Millionen Personenkraftwagen waren laut Statistischem Bundesamt 2014 auf den Straßen der Republik zugelassen. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur geht nach Informationen der aktuellen Mittelfristprognose für die Verkehrsentwicklung von einer weiterhin deutlich spürbaren Zunahme des Güter- und Personenverkehrs für 2015 aus. Konkret heißt es hierzu aus Dobrindts Ministerium: „Es ist mit einem Plus von 2 % beim Aufkommen (Personen) und bei der Leistung (Personenkilometer) zu rechnen.“ Mit anderen Worten: Unsere Straßen und Autobahnen sind bereits voll und der Individual- und Güterverkehr wächst weiterhin bei abnehmenden Ressourcen in puncto fossiler Brennstoffe. Die Gemeinschaftspublikation „Klimafreundlicher Verkehr in Deutschland – Weichenstellungen bis 2050“ von 2014 kommt zu folgendem Schluss: „Im Personen- und Güterverkehr müssen neben technischen Maßnahmen zur Verringerung des Energiebedarfs vor allem Maßnahmen zur Verkehrsvermeidung und -verlagerung auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel ergriffen werden.“ Demnach ließe sich bis ins Jahr 2050 der Endenergiebedarf im Verkehrsbereich um rund 70 Prozent (gegenüber 2005) und die Treibhausgasemissionen des Verkehrs um 64 Prozent (gegenüber 1990) reduzieren. Es ist Zeit zum Umdenken bei kommenden Verkehrskonzepten – auch mit Blick auf die steigende Digitalisierung sowie Vernetzung von Mensch und Maschine. Einen neuen Weg versprechen intelligente Fahrzeug- und Verkehrslösungen für die Straßen der Zukunft.

Gefragt sind gut durchdachte Gesamtlösungen

Die junge Generation potenzieller Kunden, die „kein Statussymbol brauchen“, wie es so schön in einem Werbespott heißt, hinterfragt und sucht nach alternativen und sich ergänzenden Verkehrskonzepten – vom Carsharing über öffentliche Verkehrsanbindungen bis zum Mietfahrrad. Konkret heißt das: Gefragt sind gut durchdachte Gesamtlösungen im Bereich Intelligenter Verkehrssysteme. Leider verlieren sich viele Projekte im Klein-Klein mit zu vielen Beteiligten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und unterschiedlichen Interessengruppen.

Außerdem werden zu viele gut gemeinte Projekte angerissen – von Mobilitätslösungen über autonomes Fahren bis zur durchgängigen Vernetzung und Digitalisierung. Im Grunde vergessen viele der Zukunftsvisionen neben rechtlichen Antworten in Bezug auf Daten- und Haftungsfragen auch das große Thema Cybersicherheit – gerade wenn es um voll automatisierte Lösungen 4.0 in Verbindung mit dem „Internet der Dinge“ und darauf abzielende Hackerangriffe geht. Experten sehen darüber hinaus, dass viele für ein intelligentes Verkehrsmanagement erforderlichen Informationen erhoben und genutzt werden. „Nur sind diese Verkehrsdaten bislang unzureichend oder gar nicht miteinander verknüpft.“ Wichtig ist in diesem Kontext ein Vernetzungsstandard (Stichwort: „Machine-to-Machine-Kommunikation“), vor allem um einen direkten Datenaustausch zwischen den einzelnen Systemen standardisiert sicherzustellen.

Umdenken und einen nachhaltigen Impuls setzen

Hauptknackpunkt wird sein, einen nachhaltigen Impuls in die teuren und von staatlichen Stellen üppig subventionierten Großprojekte zu setzen. Und der lautet: Umdenken und einen Regelkreislauf mit eng verzahnten Fortbewegungsmitteln unterschiedlicher Ausprägung schaffen. Sprechen wir von der Mobilität der Zukunft, so sprechen wir heute noch an vielen Stellen von einem althergebrachten linearen System: von der Produktion über die Nutzung bis zum Verschrotten. Das ist eigentlich überholt und doch Realität. SUV (Sport Utility Vehicle) versus E-Auto, Einzelinitiativen kontra der Suche nach einer Gesamtlösung. Es bleibt viel zu tun, um zukünftige IVS-Lösungen in einem durchgängigen und sinnvollen Verbund zu erarbeiten sowie alltagstauglich zu gestalten.

Gelingt dies? Nicht, wenn in zehn Autos elf Mitfahrer sitzen. Auch nicht, wenn viele innovative Lösungen weiterhin auf den Individualverkehr setzen. Der Autor Christian Schwägerl beschreibt es in seinem Buch „Die analoge Revolution“ wie folgt: „Ein Ringen hat begonnen, wer künftig allgegenwärtige Strukturen prägt, kontrolliert und bedient, wer oder was den Status bekommt, den früher allein die Natur hatte.“ Also nächste Ausfahrt intelligente Verkehrssysteme?


Was sind Intelligente Verkehrssysteme?

„Intelligente Verkehrssysteme (IVS) – engl. Intelligent Transport Systems (ITS) – verstehen sich als Anwendungen, bei denen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zur Realisierung der Erfassung, der Übermittlung, der Verarbeitung und des Austauschs verkehrsbezogener Daten und Informationen eingesetzt werden.“ Mit IVS-Lösungen lassen sich beispielsweise Verkehrsströme besser lenken, inklusive Navigation sowie Routenplanungen und Umleitungen. Einen wesentlichen Beitrag im IVS-Umfeld leisten Geoinformationssysteme (GIS).


Einen ausführlichen Hintergrundbeitrag zum Thema „Intelligente Verkehrssysteme“ finden Interessenten in Ausgabe 2/2015 der gis.Business und ab 5.5. hier auf gisPoint.de


1458 - Nächste Ausfahrt: Intelligente Verkehrssysteme
Andreas Eicher