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Klimawandel: vom Abstrakten zu den Risiken vor der Haustür

Andreas Eicher
Andreas Eicher 21.07.2021

In der letzten Woche brach über viele Menschen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ein Albtraum herein. Grund waren die verheerenden Starkregen über Teilen beider Bundesländer. Die Aufräumarbeiten dauern an und viele Bewohner wissen nicht, wie und wo es weitergehen kann. Gleichzeitig stellt sich wieder einmal die Frage nach den Vorkehrungen gegen solche Wetterereignisse. Denn während bei einigen der Klimawandel noch immer nicht angekommen scheint oder dieser kleingeredet wird – auch aus Angst vor wirtschaftlichen Einbußen –, kritisieren andere das hiesige Katastrophenwarnsystem. Dabei zeigt sich eines: Technik kann helfen, ist aber kein Allheilmittel gegen die Folgen des Klimawandels.

Die Welt zitiert die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer mit den Worten: „Der Klimawandel ist nichts Abstraktes mehr.“ Wirklich? Oder anders gefragt: War er das jemals? Leider muss diese Frage mit Blick auf manche Aussagen von Politikern und Wirtschaftsbossen mit einem klaren Ja beantwortet werden. So stellte der ehemalige US-Präsident Donald Trump den Klimawandel in seiner vierjährigen Amtszeit zumindest infrage. Für D. Trump waren Jobs (was auch immer das genau heißen mag) stets wichtiger, als eine nachhaltige Klimapolitik. Dem Gegner warf er eine „politische Agenda“ vor und trat sogar aus dem Paris Klimaabkommen aus. Nun ist sein Nachfolger Joe Biden bemüht, den politischen Scherbenhaufen seines Vorgängers zusammenzukehren und trat schleunigst dem Klimaabkommen wieder bei. Doch auch von der Biden-Administration sollten sich die Freunde des transatlantischen Bündnisses nicht zu viel erwarten. Schließlich steht auch bei J. Biden eine Amerika-First-Politik im Mittelpunkt, nur sanfter nach Außen verkauft, aber nicht weniger zielstrebig gegenüber „Freund“ und „Feind“.

Vom abstrakten Klimawandel und dem politischen Pendeln

Und damit bleibt der Klimawandel doch etwas Abstraktes hinter wirtschaftlichen Interessen anstehend. Jobs bringen Wähler. Klimaschutz ist etwas für Privilegierte. Das wissen auch die Grünen hierzulande nur zu gut und so fahren sie seit Jahren einen Schlingerkurs in Baden-Württemberg, teils der Autoindustrie nahestehend zwischen Ökologie und Ökonomie pendelnd. Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird von vielen in der eigenen Partei als zu wirtschaftsfreundlich bezeichnet. Zu diesem Ergebnis kommt die Tagesschau: „An der Grünen-Basis eckt Kretschmann immer wieder an – mit Aussagen, die manchen als zu wirtschaftsfreundlich gelten.“ Und weiter: „Man dürfe die Autoindustrie nicht ‚strangulieren‘, sagt W. Kretschmann dazu. Vergangenes Jahr wollte er den Autoherstellern mit einer ‚Verbrennerprämie‘ durch die Covid-19-Pandemie helfen. Und er hält es für ‚Schwachsinn‘, schon ab 2030 nur noch E-Autos zuzulassen.“ Warnende Worte kommen auch vonseiten der Industrie. Einer ihrer führenden Lobbygruppen, der Bundesverband der Deutschen Industrie kurz BDI, wünscht sich eine Energiepolitik, die so gestaltet sein muss, dass Wirtschaft und Industrie durch die Energiewende gestärkt und nicht geschwächt werden.

Konkret heißt das nach Lesart des BDI: „Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, mit denen die Industrie am Standort Deutschland auch weiterhin wettbewerbsfähig sein kann.“ Und der Verband fügt dem Ganzen hinzu: „Deutschland kann das Klima nicht alleine retten.“ In solchen und ähnlichen Stellungnahmen ist dann viel vom Erhalt der Wertschöpfungsketten, der Stärkung von Standorten und der Angst um die Arbeitsplätze die Rede. Im Gegenzug wird eine klimafreundliche Politik gerne als Öko-Terrorismus sowie „Klima-Bluff“ bezeichnet oder von linker Manipulierung gesprochen und geschrieben. Beispielhaft verrät ein Blick in die „Denkwelt“ der Tageszeitung „Welt“ viel. Seit Monaten wird in diversen Medien mobil gemacht gegen Annalena Charlotte Alma Baerbock, Spitzenkandidatin der Grünen auf das Kanzlerinnenamt. Das heißt: Es findet eine politische Demontage A. C. A. Baerbocks statt. Die mündete jüngst unter anderem in einem mehr als geschmacklosen Tweet des ehemaligen Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, gegen die Kanzlerkandidatin der Grünen. Darin heißt es: „Annalena Charlotte Alma Baerbock = ACAB = All Cops Are Bastards. Zufall oder Chiffre?“ Zu solchen Äußerungen gibt es eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Im Grunde zeigt sich auch daran, mit welchen Mitteln aktuell versucht wird, politische Stimmung zu machen. Eine Form der politischen Auseinandersetzung, die wir spätestens seit D. Trumps Twitter-Politik nur zu gut kennen.

Globale Erderwärmung: steigende Starkniederschläge

Zurück zu den realen Problemen und dem aktuellen Wetterchaos mit Starkregen und Überschwemmungen. Dass es seit Jahren vermehrt zu Starkregen kommt, das ist bekannt. Für die Tagesschau sei etwa seit 1980 eine weltweite Zunahme der Luftfeuchtigkeit zu beobachten. „Das ist naheliegend, da die durch den Treibhauseffekt erwärmte Luft der unteren Atmosphärenschichten aufgrund physikalischer Gesetzmäßigkeiten mehr Wasser speichern kann.“ Und das Nachrichtenportal kommt zu dem Schluss, dass es in Deutschland im Zuge der globalen Erwärmung vermehrt zu heftigen Gewittern und Starkregen kommen könne. Eine These, die auch Prof. Michael Kunz, Sprecher des Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology, kurz CEDIM, einer interdisziplinären Forschungseinrichtung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). In einem Interview mit der „Helmholtz-Klima-Initiative“ antwortete Prof: M. Kunz auf die Frage, ob Starkniederschläge in den letzten Jahren zugenommen hätten: „Ja. Das liegt daran, dass durch den Klimawandel die Lufttemperatur steigt. Das führt zu mehr Wasserdampf, denn warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Je höher der Wasserdampfgehalt, desto mehr Wasser kann eine Wolke aufnehmen und umso stärker sind die Niederschläge am Boden.“ Und der CEDIM-Sprecher führt fort: „Starkregen und die dadurch ausgelösten Überschwemmungen treten in der Regel sehr plötzlich auf. Deshalb ist die Vorwarnzeit meist sehr kurz, das macht es schwer, genaue Vorhersagen zu treffen. Oftmals werden Menschen von Starkregen und seinen Folgen überrascht.“ Ein Umstand, der gerade im aktuellen Fall der verheerenden Unwetter in Teilen von Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen die Menschen vor Ort überraschte. Neben enormen Sachschäden und der Zerstörung von Existenzen haben die Sturzfluten und Überschwemmungen bisher über 150 Menschenleben gefordert.

Für Prof. M. Kunz heißt die Schlussfolgerung, „sich präventiv auf Überschwemmungen vorzubereiten“. Hierzu wären die vielen und von Menschen gemachten Eingriffe in die Natur zu beseitigen. So spricht das Bundesamt für Naturschutz (BfN) vom „Verlust an natürlichen Überflutungsflächen, die Begradigung von Flüssen und die Versiegelung von Flächen“. Die Erkenntnis des BfN: „Der Mensch hat durch diese massiven Eingriffe in die Natur die Hochwassergefahr und das Schadenspotential stark erhöht.“ Und das Umweltbundesamt spricht von etwa „45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsflächen“, die in Deutschland aktuell versiegelt sind. Für das Umweltbundesamt heißt das in letzter Konsequenz: „Damit gehen wichtige Bodenfunktionen, vor allem die Wasserdurchlässigkeit und die Bodenfruchtbarkeit, verloren.“ Und weiter heißt es: „Zum einen kann Regenwasser weniger gut versickern und die Grundwasservorräte auffüllen, zum anderen steigt das Risiko, dass bei starken Regenfällen die Kanalisation oder die Vorfluter die oberflächlich abfließenden Wassermassen nicht fassen können und es somit zu örtlichen Überschwemmungen kommt.“ Nach Aussagen des Umweltbundesamts sind beispielsweise in Berlin rund 70 Prozent der Verkehrsfläche versiegelt, während es in Mecklenburg-Vorpommern nur 50 Prozent sind. Doch dieses „nur“ ist mit Vorsicht zu genießen. Denn der Trend zur Versiegelung hält an und die Probleme bleiben.

Mangelndes Katastrophenmanagement und GIS-Lösungen

Von der Dynamik der Katastrophe sprechen Medien, Verantwortliche in den Städten und Kommunen sowie Krisenmanager unisono. Mit Blick auf die Warnmeldungen im Vorfeld sagt Prof. Hannah Cloke, Hydrologin an der Universität Reading, gegenüber „ZDF heute", dass alle notwendigen Warnmeldungen der Wetterdienste versendet wurden. Gleichzeitig betont sie: „Doch irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, sodass die Meldungen nicht bei den Menschen angekommen sind.“ Ein Missstand, der sich spätestens beim Katastrophenwarntag im vergangenen Jahr bestätigte. Der Bayerische Rundfunk (BR) zitiert in diesem Zusammenhang Jörg Geiger vom Computermagazin Chip: „Der Katastrophenwarntag sei ein Desaster gewesen, weil praktisch nichts funktioniert habe.“ Der BR-Beitrag folgert hinsichtlich bestehender Warn-Apps, wie Katwarn oder Biwapp, dass nur zehn Prozent der Deutschen eine Warn-App auf dem Smartphone installiert hätten. Dabei können digitale Katastrophenwarner nach Ansicht des BR ein nützliches Zusatzangebot bieten. Und auch Unternehmen, wie Esri, bieten GIS-Lösunen für das Wassermanagement an. Für Verantwortliche in den unterschiedlichen Regionen stellt Esri mit ArcGIS Pro eine Lösung, um Starkregen-Szenarien zu simulieren und mögliche Folgen für konkrete Standorte abzuleiten. Auf den entsprechenden Seiten heißt es: „Das Beispiel zeigt, wie Städte und Kommunen durch die Verknüpfung der Daten von Kunden und Partnern frühzeitig Risiken für die Anwohnerinnen und Anwohner erkennen.“ Zudem setzt Esri mit dem „Operations Dashboard for ArcGIS“ auf eine Anwendung, mit der sich bei Hochwasserereignissen Lagebild-Sichten erstellen und mit anderen teilen lassen.

Auch das Unternehmen Hydrotec bietet Lösungen, um Starkregen zu berechnen. Mithilfe eines modularen Konzepts umfassen die Untersuchungsschritte die GIS-Analyse über die Fließanalyse anhand eines groben Geländemodells bis zu detaillierten Fließanalysen sowie der Integration von Gewässermodellen. In eine ähnliche Richtung denkt die Firma Geomer mit dem Softwaremodell FloodArea zur Modellierung von Überschwemmungen durch Starkregen, Hochwasser sowie Damm- und Deichbrüchen.

Vieles davon wirkt im Zuge der aktuellen Ereignisse jedoch eher reaktiv aufgestellt, wenig verzahnt und als Insellösung bestehend. Für die zukünftige Bewältigung ähnlicher Ereignisse müssen eng verknüpfte Anwendungen und vor allem ein funktionierendes und zugleich zentrales Katastrophenmanagement ganz oben auf der Agenda stehen. Doch Technik, Lösungen und Apps werden es alleine nicht richten können. Die Menschen müssen lernen, mit zunehmenden Klimakatastrophen anders umzugehen. Und dazu gehört auch, in Zukunft nicht überall zu bauen. Denn die Natur verzeiht nichts. Wir haben über Jahrhunderte die Natur versucht zu „zähmen“. Vielleicht rächt sich dieses teils rücksichtslose Verhalten gegenüber der Natur nunmehr umso deutlicher. In diesem Zuge sollte auch der letzte Skeptiker verstehen, dass der Klimawandel nichts mehr Abstraktes ist, sondern die Risiken bei vielen Menschen direkt vor der Haustür stehen. Ein Umstand, den auch die Wirtschaft begreifen sollte und nicht immer auf das Pseudonym des vermeintlichen Wachstums schielen sollte – auf Kosten der Umwelt und letztendlich von uns allen.

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