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Von Dieter, Corona und dem Tracing

Andreas Eicher
Andreas Eicher 22.06.2020

Wir hatten in den 1970er-Jahren mal einen Nachbarn. Sein Vorname war Dieter. Er war nett, sprach viel über Gott und die Welt. Doch davon verstand ich damals noch nichts, denn ich war zu jung. Heute sehe ich viele seiner Aussagen, die mir über die Jahre immer wieder in den Sinn kommen, eher kritisch. Nicht nur, dass der Dieter die auch in den 1970er-Jahren komplexen Fragestellungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen auf einfache Antworten herunterbrach. Besagter Dieter zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass er zu allen Themen ein Experte war. Nichts, was er vermeintlich nicht wusste, angefangen bei der Ostpolitik über Willy Brandt bis zur Ölkrise und dem Jom-Kippur-Krieg. Was aus Dieter geworden ist? Ich weiß es nicht.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht erzählt. Denn auch heute gibt es einen solchen Typ Dieter. Der wohnt zwar nicht in meiner direkten Nachbarschaft, ist dafür aber medial umso präsenter. Sei es im Fernsehen, im Radio oder in Tageszeitungen und der Klatschpresse. Ganz abgesehen von den eigenen Social-Media-Kanälen, in denen er sich regelmäßig zu Wort meldet. Auch er weiß vieles besser, redet mit den Leuten „Nuhr“ über seine Meinung und über die angeblich vielen „Bekloppten“ draußen in der Welt. Zufällig heißt auch er Dieter. Bekannt als Kabarettist Dieter Nuhr gehört viel Reden zu seinem Handwerkszeug. Und so beglückt er die Menschen mit seinem vermeintlichen Scharfsinn zu Globalisierungskritikern, Klimaprotesten, dem Feinstaub, der gebeutelten Autoindustrie oder nun zum Corona-Virus.

Kritik an der Wissenschaft und die Fake News

Zu Letzterem gibt D. Nuhr gerne viel zum Besten. Kostprobe: „Vor ein paar Wochen haben Wissenschaftler noch erklärt, Rauchen sei ein ganz schlimmer Risikofaktor. Nein, offenbar hilft Rauchen sogar gegen Corona“ [1]. Die Verballhornung der Corona-Pandemie mit einem Seitenhieb auf die Wissenschaft ist Geschmackssache und lässt sich wohl nur dann ertragen, wenn man selbst keine Betroffenen in der eigenen Familie hatte. Oder die dadurch herbeigesehnte heftige Kritik auf Twitter, Facebook & Co. ist Teil des jeweiligen Geschäftsmodells. Sei es wie es ist. Kritik an der Wissenschaft, dem Leugnen oder zumindest das Kleinreden der Corona-Pandemie sowie teils absurde Verschwörungstheorien sind in diesen Zeiten Tür und Tor geöffnet.


Hören Sie den aktuellen Podcast zu: „Corona: Vom Rückspiegel zum Blick nach vorne und der Tracing-App“ auf gis.Radio.de


Bei allen Zahlen zu Covid-19 und deren Interpretation ist längst – und wie nicht anders zu erwarten – ein politischer Schlagabtausch entbrannt. Die Hauptakteure: hier China, dort die USA. Das Vorgehen ähnelt anderen Krisen mit Schuldzuweisungen, flankiert von Statistiken und Grafiken zu den Fallzahlen sowie einer Flut an alternativen Fakten, die im Netz herumgeistern. Das Drehbuch dahinter ist geschrieben und handelt von eigens interpretierten Wahrheiten, die weit über der Ratio zu stehen scheinen. Oberhand behalten die, die am lautesten schreien. Gehör verschaffen sich die Politiker, deren eigene Propagandamaschine mittels Selbstinszenierungen in Pressekonferenzen, mit „Haus- und Hofsendern“ sowie skurrilen Verlautbarungen via Social Media optimal laufen – wider aller Vernunft. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland stellt in diesem Kontext klar: „Verschwörungstheoretiker und Verbreiter von Fake News haben zurzeit Hochkonjunktur. In sozialen Medien verbreiten sich Falschmeldungen rund um das Coronavirus in Windeseile“ [2]. Und nicht nur dort. Manch prominenter Mund bliebe in der aktuellen Beurteilung der Corona-Lage besser geschlossen, bei den teils fiebrigen Vorstellungen und den kruden sowie menschenfeindlichen Inhalten. Das fängt beim Vorschlag zur Injektion von Desinfektionsmitteln bei Corona-Infizierten an und hört noch nicht damit auf, Homosexuelle und vermeintliche Antichristen für die Pandemie verantwortlich zu machen.


Chinas Überwachung

Das Füllhorn digitaler Lösungen zur Bekämpfung des Coronavirus kennt mitunter keine Grenzen, vor allem in Asien. In China beispielsweise haben die Pekinger Politiker nach anfänglichen Vertuschungsversuchen über das Ausmaß der Pandemie hart reagiert. Neben der Zensur kritischer Stimmen in sozialen Medien kam es zu Verhaftungen unliebsamer Bürger, die auf die Missstände im Umgang mit dem Virus aufmerksam machten. Als vermeintlich stärkste Waffe setzte die Regierung auf eine rigorose Abschirmung von Wuhan in der Provinz Hubei. Damit standen elf Millionen Menschen unter einer monatelangen Ausgangssperre, die erst in den letzten Wochen (scheinbar) gelockert wurde. Flankierend baut China die ohnehin bestehende digitale Überwachung weiter aus. Unter dem Titel: „Überwachung per App“ schrieb Deutschlandfunk Kultur Ende März 2020: „Im Kampf gegen die Corona-Epidemie mobilisiert China den digitalen Überwachungsapparat und erstellt per App massenhaft Bewegungs- und Gesundheitsprofile. Der Zugriff auf persönliche Daten ist enorm. Datenschutzrechtliche Bedenken gibt es kaum“ [3].


Die Corona-App und die dezentrale Datenspeicherung

Zurück zur hiesigen Diskussion, wie zukünftig bessere Vorhersagen und Warnungen zur Corona-Pandemie oder anderen Epidemien getroffen werden können. Nun steht die Corona-Warn-App zum Download bereit. Diese wurde laut ZDF in den ersten Tagen bereits über acht Millionen Mal heruntergeladen [4] (Stand 18. Juni 2020).

Bei der Frage nach einer zentralen oder dezentralen Datenspeicherung hat die Politik nach heftigen Protesten von Datenschützern umgeschwenkt und sich für eine dezentrale Datenspeicherung entschieden. Die Tagesschau hierzu: „Ein Streit über die Art und Weise der Speicherung, der letztlich die Abkehr vom zunächst favorisierten zentralen Ansatz zur Folge hatte, sowie Unklarheiten bei den Zuständigkeiten führten jedoch zu Verzögerungen.“ Laut Tagesschau entwickelte die Deutsche Telekom in Kooperation mit SAP die Tracing-App [5].

Aber auch dieser Vorstoß wird gerade just schon zerrissen – von Kritikern, (selbst ernannten) Experten, Verschwörern und bestimmt auch dem einen oder anderen Kabarettisten. Da lobe ich mir doch die Worte des US-amerikanischen Schriftstellers Mark Twain: „Je weniger Ahnung jemand hat, desto mehr Spektakel macht er und ein desto höheres Gehalt verlangt er.“ Oder er verkauft einfach Masken mit sinnentleerten Sprüchen.


Quellen:

[1] https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr2/wdr2-kabarett/audio-dieter-nuhr-wissenschaft-100.html

[2] https://www.rnd.de/panorama/coronavirus-fake-news-diese-nachrichten-auf-whatsapp-und-co-sind-falsch-UD42R6UUGJFKDDWAJKTF6JAYHY.html

[3] https://www.deutschlandfunkkultur.de/big-data-und-die-coronakrise-china-ueberwacht-per-app.976.de.html?dram:article_id=473326

[4] https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-app-millionen-downloads-100.html

[5] https://www.tagesschau.de/inland/corona-tracing-app-101.html

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