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Smart City Expo 2019: von Träumen und der Realität

Andreas Eicher
Andreas Eicher 29.11.2019

In der vergangenen Woche endete der Smart City Expo World Congress 2019 (SCEWC) in Barcelona. Unsere Redaktion sah sich um auf der laut Expo-Macher führenden internationalen Veranstaltung zur Stadtentwicklung. Was wir fanden, war ein eindeutiger Wegweiser. Der zeigt in Richtung Digitalisierung und Vernetzung aller Lebensbereiche im städtischen Umfeld. Bei allen gefühlten Superlativen „smarter“ Anwendungen und Lösungen eines vorweg: Das Resümee fällt geteilt aus. Es schwankt zwischen dem Motto der Veranstaltung, den „Städten gebaut aus Träumen“, und der Realität smarter Stadtvorhaben.

Barcelona. Der Besuch der diesjährigen Smart City Expo startete bereits beim Einlass in die Messe (Gran Via) mit einer ersten Orientierungshilfe der Organisatoren. Hintergrund waren zwei parallel stattfindende Veranstaltungen, vom 19. bis 21. November in den Messehallen, eben jene Smart City Expo und zudem die „Ibtm World“. Wer nun an einen digitalen Wegweiser zur besseren Orientierung dachte, der irrte. „Smart City Expo nach links“, „Ibtm World nach rechts“, rief ein Mitarbeiter den hereinströmenden Besuchern im Eingangsbereich entgegen. War diese erste, zutiefst analoge Hürde gemeistert, stand der Besucher vor der Qual der Wahl aus Messe, Kongress und der sogenannten „Digital Future Society“. Immerhin bespielten über 1000 Unternehmen, 700 Städte und 400 Sprecher, den SCEWC auf den unterschiedlichen Schauplätzen.

Mobilität als Schlüsselthema

Eines der Topthemen des Kongresses war die Mobilität von morgen – von intelligenten Transportinfrastrukturen über Shared Mobility und nachhaltige Mobilitätslösungen bis zum öffentlichen Nahverkehr. Den hohen Stellenwert der Mobilitätsfrage in den Städten unterstreicht Ugo Valenti, Director Smart Mobility Congress: „Mobilität ist zweifellos eines der Schlüsselthemen, mit denen Städte konfrontiert sind.“


Im Grunde keine neue Themenstellung. Nicht umsonst stehen viele große Städte, wie Barcelona, aber auch Moskau, Neu-Delhi, Paris oder Seoul, vor ähnlichen Herausforderungen zukunftsweisender Mobilitätslösungen. Merke: Die Mobilität der Zukunft beschäftigt Städte rund um den Globus.

Eine der Mobilitätslösungen konkret gedacht und umgesetzt (Quelle: Andreas Eicher)

Der Leiter der Smart City Expo, Ugo Valenti, sieht die dreitägige Veranstaltung denn auch als eine Plattform für die Transformation von Wissen zwischen den Städten. Doch bei allen smarten Lösungen und Dienstleistungen, die im Rahmen der Smart City Expo gezeigt und diskutiert wurden, muss es um eine sinnstiftende Alltagstauglichkeit für die Bürger gehen. Das heißt, die Themen aus der grauen Theorie in die Praxis zu überführen. Dafür setzt sich beispielsweise die Digitalstadt Darmstadt ein. Das hundertprozentige Tochterunternehmen der Stadt Darmstadt baut nach eigenem Bekunden auf die Digitalstadt als ein visionäres Zukunftsprojekt mit Vorzeigecharakter. Was das bedeutet, das erklärt José David da Torre Suárez, Mitglied der Geschäftsführung der Digitalstadt Darmstadt, wie folgt: „Wir setzen auf nachhaltige Lösungen im Sinne der Bürger und auf konkrete Handlungsfelder, von der Bildung und Cybersicherheit über das Energieumfeld und die Gesellschaft bis zur Kultur und Mobilität.“ Mit Blick auf die zukünftige Mobilitätsstrategie für Darmstadt gehe es nach seinen Worten auch darum, dass am Ende des Tages weniger Autos in den Städten unterwegs seien. Dementsprechend forciert die Digitalstadt Darmstadt den Ausbau neuer Mobilitätskonzepte.

Starke Themen verlieren sich im unkonkreten


Ein Manko der Veranstaltung war die Verwässerung eigentlich starker Themen. Denn von der Mobilität der Zukunft über neue Formen der Bürgerbeteiligung bis zu einem nachhaltigen Umgang mit unseren Ressourcen setzt die Smart City Expo im Grunde auf die Herausforderungen zukünftiger Stadtentwicklungen.

Doch trotz dieser großen Fragestellungen kratzte die dreitägige Veranstaltung viel an der Oberfläche zu komplexen Themen einer intelligenten Stadt von morgen. Hierzu passt das Bild einer bunten Veranstaltung mit vielen Slogans, digitalen Häppchen, serviert in leicht verdaulichen Portionen mittels Schlagwörtern, animierten Grafiken und blinkenden Stadtmodellen. Der Gesamtblick auf die Veranstaltung fällt dementsprechend mäßig aus. Ein Hauptgrund: Die Beantwortung vieler Fragen eines urbanen Lebens der Zukunft ließ die Smart City Expo meist offen. Ein Punkt, den auch Christiane Salbach, Geschäftsführerin der DVW GmbH, unterstreicht. „Auf der Smart City Expo wurde die zentrale Frage des Mehrwerts vieler Lösungen und Strategien für die Städte und damit ihrer Menschen nicht hinreichend beantwortet“, so C. Salbach. Und sie ergänzt: „Unbeantwortet blieb meist auch die Datenfrage, das heißt, woher kommen die Daten und wer nutzt überhaupt welche Daten?“. Aber eben die Beantwortung dieser sensiblen Frage rund um die Datennutzung ist hierzulande entscheidend, soll das Ganze nicht in einem Verlust an Transparenz enden – gerade mit Blick auf die Datensicherheit, aber auch Datenhoheit.

Für Daniel Katzer, Director Trade Shows and Conferences, Prokurist und Mitglied der Geschäftsleitung der Hinte GmbH, brachte die Smart City Expo wenig neue Erkenntnisse. „Die meisten technischen Lösungen sind bereits im Smart-City-Umfeld bekannt. Die Themen Müll, Verkehr oder Beleuchtungstechnik und Sensoren standen omnipräsent im Fokus der Smart City Expo“, erklärt D. Katzer. So würden seiner Meinung nach zu viele Einzellösungen in den Mittelpunkt gestellt, statt das große Ganze in den Fokus der Gesamtbetrachtung zu rücken. Katzer unterstreicht: „Teilaspekte zu intelligenten Städten können nicht die Lösung für die Stadt der Zukunft sein. Hier laufen uns Länder in Asien inhaltlich wie technisch den Rang ab.“

Asien macht …


Mit Blick auf Asien zeigt sich, wohin die digitale und damit Smart-City-Reise gehen kann. Ganze Städte und Stadteile werden dort digital geplant und in einem für hiesige Verhältnisse exorbitant schnellen Tempo umgesetzt. Dabei setzen Städte, wie Dubai oder Singapur, auf einen durchgängig digitalisierten Prozess – von der Planung über die Erstellung bis zum Betrieb der Megastädte. Beispielsweise realisiert der Stadtsaat Singapur aktuell das Projekt  Punggol Digital District (PDD). Dort entsteht ein „intelligenter“ Distrikt für 90.000 Menschen, der ab 2023 die wichtigsten Wachstumsindustrien der digitalen Wirtschaft wie Cybersicherheit und digitale Technologie beherbergen soll und als eine integrative und grüne „Lifestyle-Destination“ für die umliegende Gemeinschaft dient. Das ganze Projekt steht im Zeichen der eigens ausgerufenen „Smart Nation Singapore“, einer durchgängig digitalen Strategie. Passend hierzu unterstreicht Singapur seine zukünftige Rolle als globale Drehscheibe mithilfe des verstärkten Einsatzes von KI-Lösungen; als nächsten großen Schritt hin zur smarten Nation.

Singapurs „Punggol Digital District“ als Modell (Quelle: Andreas Eicher)

Und auch in Dubai bauen die Verantwortlichen an der smarten Zukunft – vom Flughafen über die autonom fahrende Metro bis zur intelligenten Polizeistation. Gleiches gilt für die südkoreanische Hauptstadt Seoul, wo unter anderem die Themen des smarten Transports, der Sicherheit und der Administration als Ziele ausgerufen sind. Nicht zu vergessen Peking oder Shanghai, die ebenfalls auf der Smart City Expo ihre Visionen einer intelligenten Stadt der Zukunft präsentierten.

… Deutschland denkt (nach)


Von solchen Entwicklungen sind wir hierzulande noch ein ganzes Stück entfernt. Smarte Lösungen bedürfen in unseren Städten einer Vielzahl an Abstimmungen und Kompromissen. Anders formuliert: Deutschland denkt (nach). Hinzu kommt in vielen Fällen ein Silodenken, bei dem Einzelprojekte im Vordergrund stehen, statt das große Ganze im Blick zu haben. Dies zeigte sich auch im Rahmen der Smart City Expo mit viel klein-klein an den deutschen Messeständen. Städte, Verbünde und Kooperationen präsentierten ihre Ideen und Wege smarter Städte. Viele Leuchttürme, wenig Querschnittsthemen – sprich einzelne Apps, Dienstleistungen und Projekte standen im Mittelpunkt der Smart City Expo.

Ein weiterer Faktor, mit Blick auf deutsche Städte, offenbart, dass viele Kommunen nicht das notwenige Personal haben, um sich weitreichend mit dem Thema digitaler Stadtentwicklungen zu beschäftigen. Das heißt: Es fehlt meist eine federführende Hand, um digitale Strukturen in den Städten zu etablieren und voranzutreiben. Eine integrierte digitale Stadtentwicklungsplanung fehlt in vielen Fällen, trotz Fördergelder. Doch um an diese Geldtöpfe zu gelangen, müssen Städte und Kommunen gewisse Hürden überwinden. Alleine dies stellt viele Städte vor zu große Herausforderungen mit Blick auf eine Projektkoordination und das notwenige Know-how.

Um smarte Städte hierzulande ganzheitlich zu planen und umzusetzen, braucht es Treiber in den Städten und weniger aus den Digitalkonzernen heraus. Gelingt dies in absehbarer Zeit, wird aus Träumen auch Realität. Denn „Cities made of dreams“, so der Slogan der Smart City Expo 2019, kann nur ein Irrglaube sein – gerade weil Städte per se Realität sind. So oder so.

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