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BIM sei Dank

Andreas Eicher
Andreas Eicher 28.02.2019

Die gemeinsame Pressekonferenz des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB) und des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB) zur Jahresbilanz im Baugewerbe 2018 brachte es Mitte Dezember letzten Jahres auf zwei wesentliche Punkte. Der Umsatz legt um sechs Prozent zu und die Zahl der Mitarbeiter steigt auf 850.000. Wie nicht anders zu erwarten, sind Erfolgsmeldungen meist des Pudels Kern einer Pressekonferenz. Und auch für 2019 sehen die beiden Verbände den „Baumarkt (…) weiter auf stabilem Wachstumskurs“ [1].

Peter Hübner, Präsident des HDB, und ZDB-Präsident Reinhard Quast, sprachen denn auch mit einer positiven Stimme: „Wir gehen davon aus, dass sich das Wachstum der Bautätigkeit im neuen Jahr auf hohem Niveau fortsetzen wird und erwarten für 2019 ein nominales Umsatzplus im Bauhauptgewerbe von 6 Prozent. Der Umsatz erreicht damit ein Niveau von 128 Mrd. Euro“ [1].

Von der Bau- zur Wirtschaftspolitik zu Prozessinnovationen

Also rosige Zeiten für das Baugewerbe? Mitnichten, wie es Kritiker sehen. Denn trotz voller Auftragsbücher kämpfen viele Unternehmen mit Kostendruck, Bürokratie und fehlenden Arbeitskräften. Im Grunde kann es sich die Politik nicht leisten, das Baugewerbe einfach so laufen zu lassen. Sprich, es muss die Risiken im Bauumfeld kennen und die Rahmenbedingungen für das Baugewerbe verbessern. Wen wundert es, wenn das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat (BMI) schreibt: „Baupolitik ist zugleich auch Wirtschaftspolitik.“ Und weiter heißt es: „Der Schlüssel zur Qualität liegt in der Ausbildung und in der ständigen Qualifikation der Beschäftigten. Ziel unserer Baupolitik ist es, ein hohes Investitionsniveau zu sichern und Investitionen zu beschleunigen, Qualitätsentwicklungen, sowie Dienstleistungskompetenzen, Produkt- und Prozessinnovationen wirksam zu unterstützen“ [2].

Diese „Prozessinnovationen“ forcierte das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) unter seinem damaligen Bundesmister Alexander Dobrindt mit der stufenweisen Einführung von Building Information Modeling (BIM) bis ins Jahr 2020. Die Hoffnung: „Mit BIM wird digital geplant und dabei eine synchronisierte Datenbasis hergestellt, die alle Abläufe und Teilaspekte verbindet und auf die alle Projektbeteiligten zugreifen können. Dadurch werden alle Informationen transparent vernetzt, sodass Auswirkungen einer Änderung auf alle anderen Teilbereiche in Echtzeit sichtbar werden. Zeitpläne, Kosten und Risiken können so früher und präziser ermittelt und optimiert werden“ [3]. BIM sei Dank. Nun muss sich A. Dobrindts Nachfolger Andreas Scheuer beweisen. Wir werden sehen, wohin das führt.

Der digitale Wandel mit BIM

Der digitale Wandel ist einer der Kernbereiche in der gesamten Baubranche – von der Planung bis zum eigentlichen Bauprojekt und der Nachhaltung. Doch was heißt das konkret? Für das Unternehmen Trimble stehe BIM für eine Philosophie, „durch die in allen Phasen des Lebenszyklus eines Bauwerks neue Denk- und Arbeitsweisen entstehen und auf den Eckpfeilern Kollaboration, Beratung und gemeinsam genutzten Informationen aufbaut“. Trimple spricht von „einen interaktiven Arbeitsprozess, der die Art und Weise verändert, wie Bauwerke geplant, gebaut und verwaltet werden“ [4]. Einer Kritik, wonach die BIM-Methodik nur für Großprojekte und Großunternehmen konzipiert wurde, erteilt beispielsweise Oracle eine Absage. So hätten sich sowohl Methodik als auch Funktionalitäten weiterentwickelt. „Beim modernen BIM geht es um Zugänglichkeit, Erweiterbarkeit und Zusammenarbeit“, folgert Oracle. Und weiter heißt es: „Eine „Connected BIM”-Lösung sollte beim Management aller Informationen eines Bauprojekts unterstützen. Sie muss von Teams über das gesamte Bauprojekt hinweg genutzt werden können, egal wie groß oder klein diese sind. Sie muss mit den unterschiedlichsten Datenquellen, Dateiformaten, Standards (IFC, BCF, COBie) und von den Unternehmen eingesetzten Tools arbeiten können“ [5]. Im Umkehrschluss heißt das, BIM ist für alle da –  ob große oder kleine Organisationseinheiten, Firmen, Stadtplaner und Städte.

Eine Stippvisite: von der Smart City zur intelligenten Gemeinde

Apropos Groß und Klein. Große Städte tun es, die kleinen und mittelgroßen Städte tun sich teils noch schwer. Die Rede ist von „smarten“ Lösungen und Gesamtkonzepten zur intelligenten Stadt von heute und morgen. Aus diesem Grund fördert das Land Baden-Württemberg das Projekt „Smart Villages“. Was sich dahinter verbirgt erklärt das Landesamt für Geoinformationen und Landentwicklung (LGL) wie folgt: „Mit „Smart Villages“ soll das Konzept „Smart Cities“ auf kleine und mittelgroße Gemeinden unter Berücksichtigung der besonderen Gegebenheiten des ländlichen Raums übertragen werden“ [6]. Nach LGL-Informationen sei es das Ziel, die Entwicklung und Bereitstellung smarter Geoinformationsdienste über eine einfach zugängliche webbasierte Plattform zu fördern. „Eine wesentliche Komponente bildet hierbei die Bereitstellung und Vernetzung von Geoinformationen und Sensordaten sowie die Integration von Planungsentwürfen für Investitionsvorhaben, die zum Beispiel im Rahmen des Entwicklungsprogramms Ländlicher Raum (ELR) eine intelligente, nachhaltige und integrierte Entwicklung ländlicher Kommunen fördern“, so das LGL. Ein wichtiges Puzzleteil in diesem Projekt sind unter anderem Planungsdaten via BIM. Vor diesem Hintergrund ist das Teilprojekt „digitale Planung, Visualisierung und Bürgerbeteiligung“ in Niedernhall zu verstehen. Die Stadt in der Region Heilbronn-Franken entschied sich dafür, Bauplanungen zu visualisieren. Hintergrund und Erfahrung ist, dass viele Bürger und Gemeinderäte Pläne schlecht lesen und sich damit Bauvorhaben in der Realität oft nicht vorstellen können. Hieraus entstand das Vorhaben in der Stadt Niedernhall eine digitale Planung, Visualisierung und Bürgerbeteiligung mithilfe der BIM-Methode umzusetzen. Konkret heißt das: Digitale Planungsmodelle werden in die 3D-Plattform übernommen, für Entscheider und Bürger visualisiert und als Grundlage des Bürgerbeteiligungsverfahrens genutzt.



Ausschnitt des Ortskerns Niedernhall (Gebiet Kelterareal)
Bild: LGL (www.lgl-bw.de)



Ausschnitt des Ortskerns Niedernhall (mögliche Planungsvariante als 3D-Modell)
Bild: LGL (www.lgl-bw.de)


Und die Risiken?

Doch bei aller BIM-Euphorie muss auch die Kehrseite der Medaille betrachtet werden. Drehen wir diese um, so sind darauf nicht nur die Chancen des zukünftigen und digitalen Bauens als Gesamtprozess abzulesen. Die Risiken treten aktuell noch deutlich zutage. Hintergrund sind die wenigen Erfahrungswerte hierzulande. Während in England, den Niederlanden oder Singapur schon länger mit BIM gearbeitet wird, tun sich deutsche Unternehmen, Planer und Städte noch schwer. Verstärkt Erfahrungswerte aus anderen Ländern sammeln und in die eigenen Überlegungen einfließen zu lassen, wäre sicher hilfreich. Im Grunde dürfte es weniger am Reifegrad der BIM-Methodik als solche liegen, als vielmehr an der Art und Weise des zukünftigen Zusammenwirkens. Wo sollen die immensen Daten gespeichert werden? Ist die Cloud dafür geeignet? Wem gehören die Daten und wie steht es mit deren Sicherheit aus? Fragen, die dringend beantwortet werden müssen. Das können Städte, Planer & Co. nicht im Alleingang bewerkstelligen. Ein klarer Auftrag an die Politik.


Quellen:

[1] https://www.bauindustrie.de/media/documents/GemPM_ZDB_HDB_Konjunktur_2018-12-17.pdf

[2]https://www.bmi.bund.de/DE/themen/bauen-wohnen/bauen/bauwesen/bedeutung/bedeutung-bauwesen-node.html

[3] https://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Pressemitteilungen/2015/152-dobrindt-stufenplan-bim.html

[4] https://mep.trimble.de/bim

[5] https://www.aconex.com/blogs/de/so-spaltet-bim-die-geister/

[6] https://www.lgl-bw.de/lgl-internet/opencms/de/05_Geoinformation/Digitalisierungsstrategie/Smart_Village/

 

 

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