Von Monika Rech
Die Hände steckten tief in seinen Taschen. Zusammengeballt gaben sie ihm die Kraft, die er brauchte, um weiterzugehen. Es nieselte, die Dunkelheit legte sich fast sanft über das Kopfsteinpflaster. Das Getöse der Großstadt, er hörte es nicht mehr. In den Pfützen sahen die Lichter der Schaufenster freundlicher aus. „he Weihnachten“ spiegelte sich verzerrt in der Pfütze vor seinen Füßen. Er blieb stehen und staunte auf die nasse Erde. „he Weihnachten“, das passt“, sagte der alte Mann und trat mit Schwung in die Pfütze. Das hatte er als Kind schon gerne getan, und heute war es genauso berauschend wie vor siebzig Jahren. Sollte es doch in tausend Teile zerspringen, das Fest der Liebe. Sollte es bis zur Unkenntlichkeit zerfallen, denn froh waren diese Tage für ihn schon lange nicht mehr.
Scheinbar ziellos setzte der alte Mann seinen Weg durch die Großstadt fort. Mit nassen Hosenbeinen und schwerem Herzen.
Gleichzeitig klingelte Ottmar an der Tür seine Vaters in Charlottenburg. „Mach doch endlich auf, ich weiß dass Du da bist“, sagte der nicht mehr ganz so junge Mann in die Sprechanlage. „Das sieht Dir wieder ähnlich, dass Du mich in diesem Sauwetter vor der Tür stehen lässt.“ Er zitterte vor der durchdringenden feuchten Kälte , die ihn umgab. Er stampfte von einem Bein auf das andere und drückte erneut auf das messingfarbene Klingelschild. Dr. Karl-Friedrich Hagedorn, stand da in der blank polierten verschnörkelten Schrift, die so gut zu seinem Vater passte. Die schwere Holztür roch nach Politur, auf den Wänden der verschnörkelten Fassade leuchtete die jüngste Farbschicht in zurückhaltendem Creme. Er streichelte über die Hauswand und verlor sich in Gedanken, als es aus der Freisprechanlage rief. „Ottmar bist Du das? Ich mache Dir auf. Komm rein.“ Das klang nach Frau Müller, der Nachbarin seines Vaters. Und endlich hatte ihre Neugierde mal wieder etwas Gutes. Mit großen Schritten lief er die Stufen empor, nahm immer zwei auf einmal. „Guten Abend, Frau Müller, danke, dass Sie mir aufgemacht haben. Wie haben Sie mich bloß gesehen?“ „Ach, Sie wissen ja, wie das ist“, antwortete Frau Müller, „wenn man alleine ist, schaut man halt viel aus dem Fenster.“ Ottmar dachte, dass sie auch schon neugierig gewesen war wie des Schneiders Weib, als sie mit fünf Kindern in der Wohnung gelebt hatte, aber er ersparte ihr den Kommentar. „Ist mein Vater nicht da? Er ist doch sonst Heiligabend immer zu Hause“, sagte Ottmar. „Na ja, Ottmar, immer ist so eine Sache. Du warst ja Jahre nicht mehr zu Besuch.“ Schon übermannte ihn das schlechte Gewissen, das er Jahre lang so gut im Schach gehalten hatte. „Sind denn Stefanie und Thomas nicht bei ihm? Ich dachte, die beiden verbringen Weihnachten mit ihm.“ Er war wirklich erstaunt, weil er sicher gewesen war, dass seine Geschwister sich um seinen alten Herren kümmern.“ „Ach Ottmar“, sagte Frau Müller und seufzte. Sie schien fast Mitleid mit ihm zu haben, weil er so gar keine Ahnung hatte. „Weißt Du denn nicht, dass die beiden auch schon lange nicht mehr zu deinem Vater kommen? Stefanie hat gesagt, sie erträgt es nicht, Euren Vater so zu sehen. Und Thomas, der ist mit seiner eigenen Familie beschäftigt.“ Ottmar setzte sich auf den gebohnerten Boden und starrte geradeaus. Warum nur hatte er seinen Vater alleine gelassen? Warum hatte der alte sture Mann ihn aber auch nicht ein einziges Mal angerufen, und mit ihm gesprochen. Es war so etwas wie eine Erinnerung gewesen, die ihn nach Berlin getrieben hatte.
Zwei Tage zuvor hatte er noch in Peking in seinem Büro gesessen und sich über seinen Rechner gebeugt. Da plötzlich waren zwischen all den Excel-Tabellen und zu prüfenden Verträgen Bilder aufgetaucht. Von seinem Vater, wie er den Schlitten über den seltenen Schnee am Monte Klamotte gezogen hatte. Von der Christmette im Kölner Dom, den Weihnachtsspaziergängen an seinen Lieblingsplätzen im Stadtwald. Von dem Gründerzeithaus im Kölner Stadtteil Ehrenfeld, wo sie groß geworden waren und die Kinder so oft Verstecken gespielt hatten. Von Mutter, die den Tisch so festlich gedeckt hatte. Und dann gab es an Heiligabend trotz allgemeiner Proteste immer nur Kartoffelsalat und Würstchen. Wie laut er auch mit Stefanie und Thomas dagegen angekämpft hatte, sie hatte niemals nachgegeben. Und jetzt schmeckte er den süß-sauren Geschmack der kleinen Gürkchen auf der Zunge. Wie lange war all das her? Es schien ihm, als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Er griff zum Telefonhörer und wählte Vaters Nummer in Berlin. Aber dann legte er wieder auf. Zu sehr hatten sie sich beim letzten Mal gestritten. Er wolle ihn nie wieder sehen, hatte der Vater ihn angeschrien. Das hatte ihn all die Jahre nicht losgelassen. „Nie wieder“ hatte er gebrüllt, weil er ihn auch schon damals alleine gelassen hatte.
„Haben Sie eine Ahnung, wo er stecken könnte“, fragte Ottmar Frau Müller? „Dein Vater ist sicher unterwegs und streunt durch die Gegend. Er hält es alleine in seiner Wohnung einfach nicht aus“, setzte Frau Müller an, um ihn vielleicht noch ein wenig mehr zu zermürben. „Seit sein Gedächtnis so stark nachgelassen hat, geht er eigentlich nur noch mit seinem Notizbuch und seinen Karten aus dem Haus“, sagte Frau Müller und erstaunte Ottmar noch mehr. „Ist mein Vater krank?“, fragte er. Frau Müller antwortete, dass sein Vater doch schon seit Jahren in Behandlung sei, weil sein Gedächtnis ihn immer mehr im Stich lasse. Ottmar verzagte immer mehr, er stellte sich seinen Vater vor, wie er durch die fremde Stadt zog. In Köln war Dr. Hagedorn ein angesehener Lokalpolitiker gewesen, doch dann hatte es ihn in die große Politik gezogen. Mit fast fünfzig war er in die Hauptstadt gezogen und hatte sich dort für Umwelt und Soziales eingesetzt. Wie sehr war dieser Mann mit seiner Stadt verwurzelt gewesen, wie hatte er Köln geliebt.
Karl-Friedrich Hagedorn griff in seine Manteltasche. Das Futter fühlte sich warm an, der zerlesene Zettel darin gab ihm Sicherheit. Mit seinen kalten Händen fingerte er nach dem Papier. Wo war noch gleich sein Lieblingsrestaurant? Dieser junge Mann, der ihm vor einigen Jahren eine Karte mit seinen geliebten Kölschkneipen gedruckt hatte, dem dankte er im Stillen immer noch. Wenn er wie so oft in letzter Zeit im Nebel herumstocherte, um sich an Alltägliches zu erinnern, halfen ihm diese kleinen Karten, die er über seine Mäntel verteilt hatte. Eines der Fähnchen auf der Karte lautete „Refugium“, Gendarmenmarkt 5, Berlin, und er wusste, dass er hier seinen Abend verbringen wollte. Wie so oft.
Quelle: Openstreetmap, Karte von Gregor Antoine.
An der Ecke stand ein Penner mit einer grünen Pudelmütze. Er setzte gerade zu einem Schluck an, als ihn der alte Mann ansprach. „Wissen Sie, wie ich zum Gendarmenmarkt komme?“ Er hielt ihm seine zerfledderte Karte direkt vor die Nase. Mit einem schiefen Blick nahm die Pudelmütze die Karte an sich und deutete gerade aus. „Richard-Wagner-Platz“, waren die einzigen Worte, die aus ihm herausdrangen, bevor er die Flasche wieder an den faltigen Hals setzte. „Prost“, sagte der alte Mann. „Der hat wohl auch keine Ahnung, wie frohe Weihnachten sich anfühlen“, dachte er bei sich. Schlurfend erreichte er die U-Bahn, fragte sich auch hier durch, bis er wusste, dass er an der U-Bahn-Station Französische Straße aussteigen musste. Vielleicht erinnerte er sich dann auch wieder, wo es für ihn lang ging.
Ottmar bat Frau Müller, die Wohnungstür seines Vaters aufzuschließen. Es roch nach Berlin. Ein wenig fremd, aber auch ein bisschen nach Hause. Roch es auch ein klein wenig nach Kartoffelsalat, oder bildete er sich das ein? Ottmar machte das Licht an und ging geradewegs zur Garderobe. Wenn stimmte, was Frau Müller sagte, würde er vielleicht einen Hinweis darauf finden, wo sich sein Vater befand. Er wühlte in der erst besten Jackentasche und fand tatsächlich eine der zerlesene Karten. Kleine Nadeln darauf markierten Kölschkneipen in Berlin. Ottmar lachte laut auf. „Das sieht meinem Vater ähnlich“, dachte er bei sich. Dieser Geographietick hatte die Kinder früher zur Verzweiflung getrieben. Stets hieß es „Wie lautet die Hauptstadt von..?“ Oder: „Wie heißt der längste Fluss in Südamerika?“ Ständig nervte sein Vater auf Wanderungen mit Kompass und Karte – dabei waren die Wanderwege stets bestens ausgeschildert. Und nun also das. Die Kölschkneipen waren ein Indiz, aber noch kein Wegweiser. Er kramte weiter und tatsächlich fand sich in der anderen Jackentasche in fast unleserlich gewordenes Exemplar einer Karte. „Refugium, Gendarmenmarkt 5, Berlin“, las er laut. Und Frau Müller, die hinter ihm um die Ecke lugte sagte: „Ja, da ist der öfter“

Quelle: Openstreetmap, Karte von Gregor Antoine.
Kaum eine viertel Stunde später parkte das Taxi vor dem Refugium. Ein roter Teppich führte in das festlich beleuchtete Restaurant. Ottmar war ein wenig aufgeregt und stolperte fast über den Kellner, der ihn am Eingang in Empfang nahm. „Ich, ich suche meinen Vater“, sagte Ottmar, „ein älterer Herr, Brille, etwa so groß, weißes Haar. Kölner“ Der Kellner lächelte Ottmar an und sagte, es gehe bestimmt um ihren Stammgast und führte Ottmar vorbei an weiß eingedeckten Tischen, fröhlich plaudernden Familien, perlenden Sektgläsern und kühlen Kölschstangen.
Im hinteren Teil des Restaurants saß sein Vater. Auch von hinten erkannte er diesen alten Mann, der etwas gekrümmt über seinem Gänsebraten hockte und fröhlich im Gespräch mit einem anderen Gast zu sein schien. Ottmar ging weiter auf ihn zu, tippte ihm auf die Schulter und sagte: „Fröhliche Weihnachten, Papa.“ Der alte Mann drehte sich um, und strahlte Ottmar ins Gesicht. „Kellner, jib mir noch en Kölsch, mingge Jung is widder do.“