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18.11.2019 Verbände

Die Energiewende erfolgreich gestalten – ohne Geowissenschaften geht nichts

Verminderung der Treibhausgas-Emissionen, Nutzung regenerativer Energiequellen einschließlich Erdwärme sowie Unterstützung der Energiewende - was die Geowissenschaften dazu beitragen können, wurde ausführlich bei dem 11. Deutschen Geologentag des Berufsverbandes Deutscher Geowissenschaftler e.V. (BDG) Ende Oktober erörtert.

Fachleute aus Wissenschaft und Verbänden diskutierten in einer von Prof. Dr. Detlev Doherr von der Hochschule Offenburg moderierten Podiumsdiskussion Beiträge, die aus Sicht der Geologen notwendig sind, um die Energiewende erfolgreich umzusetzen.

Für die Energie- und Verkehrswende werden auch zukünftig viele Rohstoffe benötigt, um neue Technologien erfolgreich einzuführen. Recycling werde noch für Jahrzehnte den Abbau von Rohstoffen nicht ersetzen können, stellte Prof. Christoph Hilgers vom KIT (Karlsruher Institut für Technologie) fest. Grund dafür seien die steigenden Bevölkerungszahlen und die Zunahme des Wohlstands, die trotz sinkenden Energiebedarfs pro Kopf für einen steigenden Energiebedarf sorgen, der nach allen relevanten Prognosen nur unter Einbeziehung fossiler Energieträger zu decken sei. Beispielsweise sei in Deutschland der Anteil von Wind, Photovoltaik und Geothermie am gesamten Primärenergieverbrauch mit 2.8, 1.1 und 0.1 Prozent niedrig.

Ein Hoffnungsträger der regenerativen Energien, die Geothermie, hat ihren einstigen Vorsprung trotz 37 laufender Kraftwerke im Süden Deutschlands und etlichen Forschungsvorhaben verloren und sich „vom Tiger zum Bettvorleger“ gewandelt, so Dr. Erwin Knapek vom Bundesverband Geothermie. Immer noch würden 80 Prozent der neuinstallierten Heizungen fossil beheizt. Die Geothermie habe dabei mit ihrem Image zu kämpfen: Einzelne Unfälle hätten sich negativ auf die gesamte Branche ausgewirkt. Da im Gegensatz zum Beispiel zu Windparks, an denen Bürger oft finanziell beteiligt sind, bei der Tiefen Geothermie in der Regel ein externer Investor Hauptakteur sei, erschließe sich der Nutzen für die ansässige Bevölkerung nicht unmittelbar. Und das, obwohl die Geothermie nicht wie zum Beispiel Wasserkraft oder Sonnenlicht natürlichen Risiken und Schwankungen ausgesetzt ist und unabhängig machen könnte. Laut Katja Witte vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie ist aber gerade der empfundene Nutzen einer Technologie ein wichtiger Akzeptanzfaktor. Auf die Nachfrage des Moderators, wie die „Wärmewende“ forciert werden könne, legte Knapek dar, dass bis 2050 ein Großteil der erforderlichen Wärme durch Geothermie abgedeckt und sämtliche Stockwerke der Erde für die geothermische Wärmeerzeugung genutzt werden müssten.

Neben CCS (CO2-Speicherung), das große Mengen CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre fernhalten kann, ist auch CCU (CO2-Verwendung) ein Beitrag zur Treibhausgas-Neutralität. Die Bundesregierung hat dieses Potenzial erkannt und beabsichtigt, die Forschung und Entwicklung zur CO2-Nutzung und -Speicherung zu fördern. Nach einem zunächst vielversprechenden Beginn habe die CCS- Technologie mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen, das 2012 verabschiedete Kohlendioxidspeicherungsgesetz (KSpG) wirkt sich ebenfalls behindernd auf die Nutzung der vorhandenen Potenziale aus, so Prof. Dr. Hans-Joachim Kümpel von Acatech.

Gesellschaftliche Akzeptanz, die über eine reine Duldung hinausgehe, setze eine stabile Meinung voraus, stellte Witte fest. Grundlagen, um diese zu entwickeln, sind relevante und ausgewogene Informationen, die verständlich aufbereitet sind und aus vertrauenswürdigen Quellen stammen, sowie die Wahl geeigneter Kommunikationskanäle, die gegebenenfalls über professionelle Informationsstrategien hinausgehen und eine Möglichkeit der Partizipation umfassen können.

Dr. Erika Bellmann vom WWF Deutschland berichtete, dass Norwegen, und hier besonders die norwegischen Umweltorganisationen, ein Verfechter von CCS sind – auch aus Sicht des Artenschutzes. Denn, so Bellmann, der Klimawandel sei derzeit die schlimmste Bedrohung der Artenvielfalt. Da in Deutschland hohe Sicherheitsstandards und ein fundiertes Wissen über CCS vorlägen, seien die deutschen Vorbehalte besonders bedauerlich, stellt Kümpel fest.

Die Gesellschaft müsse besser darauf vorbereitet werden, dass mit der Energiewende große Umbrüche einhergehen werden, forderte Witte. So wurde das Klimapaket der Bundesregierung von Knapek als zu wenig weitgreifend bezeichnet. Die schon lange geforderte Einführung eines CO2-Preises könne nur ein erster Schritt einer umfassenden Systemerneuerung sein. Witte empfahl daher, zum Beispiel ein temporäres Schulfach Energiewende einzuführen, dies sei für die Schaffung eines ganzheitlichen Verständnisses zukunftsfähiger Technologien ein wichtiger erster Schritt. Doherr ging noch weiter, indem er ein Fach Geowissenschaften in der Schule forderte, um das System Erde begreifen zu können und für eine stabile und umfassende Informationsgrundlage bei der Bevölkerung zu sorgen.

Auch Kümpel schlussfolgerte, dass neben der weiteren und intensiven Forschung Vertrauen in der Bevölkerung aufgebaut und aufgeklärt werden müsste, was im Untergrund passiere und welche Sicherheitsstandards erfüllt werden könnten. Bellmann, die sich im WWF Deutschland dafür einsetzt, dass nachhaltigere und klimaschonende Technologien rechtzeitig zum Zuge kommen, um die Klimakrise noch begrenzen zu können, forderte zu entschlossenem Handeln auf.

Im Anschluss der Podiumsdiskussion forderte der Vorsitzende des BDG Berufsverband Deutscher Geowissenschaftler, EurGeol MBA Andreas Hagedorn, übergreifende Maßnahmen, die die Rohstoffförderung zur Bewältigung der Energiewende genauso umfassen wie die Berücksichtigung von Geothermie und neuen Technologien wie CCS und CCU. Hervorragende Forschung, fundiertes Wissen und hohe Sicherheitsstandards mit bestens geschultem Personal müssten dazu führen, diese Potenziale für die Energiewende zu nutzen. Im Bereich der Wissensvermittlung sieht der BDG noch deutliche Entwicklungspotenziale: Eine Stärkung des naturwissenschaftlichen Unterrichts insbesondere in Bezug auf Kenntnisse um das System Erde erscheint dringend erforderlich, um eine stabile Wissensgrundlage aufzubauen. Darüber hinaus beteiligt sich der BDG an mehreren EU-Projekten, die neben der Vernetzung von Wissen gezielt auch Schülerinnen für die Erdwissenschaften begeistern möchten, und hat sich mit der Gründung des Vereins „Rohstoffwissen!“ in die Diskussion um die Aufklärung und Sensibilisierung der Bevölkerung eingebracht. Schlussendlich ist es aber auch Aufgabe der Politik, entschlossen die notwendigen Schritte einzuleiten. Das kürzlich geschnürte Klimapaket der Bundesregierung kann hier aus Sicht des BDG nur ein erster Anfang sein.

Weitere Informationen unter www.geoberuf.de

3178 - Die Energiewende erfolgreich gestalten – ohne Geowissenschaften geht nichts
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