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23.10.2020 Verbände, Vermessung

Ein AdV-Urgestein geht

Laudatio für Herrn Ministerialdirigenten Professor Dr.-Ing. Klaus Kummer FRICS

Ministerialdirigent Prof. Dr.-Ing. Klaus Kummer FRICS geht in den Ruhestand? Kaum zu glauben! Das Begriffspaar „Kummer – Ruhestand“, ist das nicht quasi ein Oxymoron? Ein Duo, das gegensätzlicher nicht sein könnte, dessen Gemeinsamkeiten nachzuvollziehen uns schwerfällt, die wir Prof. K. Kummers dynamische und begeisternde Herangehensweise an Herausforderungen kennen, die ihm das Berufsleben gestellt hat und die er zusätzlich aktiv suchte. Naja, so ganz geht er ja auch nicht in den Ruhestand: Sein unermüdlicher Schaffensdrang mündet – nahtlos an seine beamten-rechtliche Ruhestandsversetzung – in eine neue Produktivitätsphase. Wir finden Prof. K. Kummer künftig als Direktor der Niederlassung Ost der Autobahn GmbH des Bundes wieder. Dort wird er für 1.451 Autobahnkilometer und 1.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zuständig sein. Chapeau!

Mit seinem Eintreten in die „dienstfreie Lebensphase“ endet allerdings sein Wirken in der AdV und für die AdV, das rund 30 Jahre währte. Seit 1991 nämlich war der Niedersachse Prof. K. Kummer – mit noch nicht einmal 40 Lebensjahren frisch gebackener Chef der Vermessungs- und Geoinformati-onsverwaltung des Landes Sachsen-Anhalt – Mitglied des Plenums der AdV (Arbeitsgemeinschaft der Vermessungsverwaltungen der Länder der Bundesrepublik Deutschland) und damit das heute mit Abstand dienstälteste Mitglied in diesem obersten Entscheidungsgremium. Menschen, die ihn damals, Anfang der 1990er-Jahre kannten, könnten zu der Vermutung neigen, dass es der nunmehr schneidige Ostwind war, der ihm im Zug des Wechsels von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt den Vollbart abhandenkommen ließ.

Prof. K. Kummer war in der AdV aber nicht nur Vertreter des Landes Sachsen-Anhalt, sondern ein glühender Anhänger des Föderalismus. Nie wurde er müde, Gemeinsames zwischen den Ländern voranzubringen und damit das amtliche Vermessungswesen in Deutschland zu stärken, trotz der Vielfalt im amtlichen Vermessungswesen, die nicht nur aufgrund der verfassungsrechtlichen Kompetenzzuordnung ihre Daseinsberechtigung hat. Er verstand Föderalismus als Chance, als gelebten Ideenreichtum, nicht als Hemmschuh. Mir schien, dass er stets auf der Suche nach dem Lösungsweg war, der dem amtlichen Vermessungswesen in Deutschland insgesamt den größten Nutzen brachte. Und das mit Erfolg.

In den Jahren 2006 und 2007 stand Prof. K. Kummer der AdV als Vorsitzender vor. Es waren Jahre der besonderen Herausforderung. In diese Zeit fiel nicht nur der internationale FIG-Kongress in München, der das gesamte Vermessungswesen international in den Fokus rückte. Es war eine Ära, in der die Nachfrage nach länderübergreifenden Geobasisdaten stark angestiegen war. Damit einher ging ein immer vehementer artikulierter Bedarf an länderübergreifend gültigen, flexiblen Regelungen zu Lizenzen und Gebühren. Prof. K. Kummer stellte in der AdV die entscheidenden Weichen, um die AdV hier zukunftsfähig aufzubauen. Es gelang ihm, erstmals eine einheitliche Gebührenrichtlinie der AdV aufzustellen. Dies war bei damals 16 divergierenden Gebührenvorstellungen und Gebührenregelungen der Länder eine diplomatische Meisterleistung. Der Weg zu einer stärkeren Nutzung der amtlichen Geobasisdaten war nunmehr gebahnt.

Apropos Diplomatie: Bei Prof. K. Kummer wurden Kamingespräche auch dann geführt, wenn gar kein Kamin vorhanden war. Wie das funktioniert? Man stellt einen mobilen Kamin auf, um ein aneimelndes Ambiente für nicht so anheimelnde Gesprächsgegenstände zu schaffen. So geschehen bei der AdV-Klausurtagung 2007 und bei einem Strategie-Workshop bei Prof. K. Kummer in Magdeburg.

Prof. K. Kummer war es ein Anliegen in seiner Vorsitzzeit, im Rahmen dieser Geobasisdatenstrategie die Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern auf neue Füße zu stellen. Mit den Reformüber-legungen der Föderalismusreform Stufe II eröffneten die politischen Rahmenbedingungen hierfür einen neuen, flexiblen Spielraum. Acht Jahre lang vertrat Prof. K. Kummer die Belange des amtlichen deutschen Vermessungswesens im Interministeriellen Ausschuss der Bundesregierung für das Geoinformationswesen (IMAGI). Es war Prof. K. Kummer ein Bedürfnis, nicht nur die länderüber-greifenden Geobasisdaten für den Nutzer zusammenzuführen, sondern ebenso die Beratung und Betreuung deutschlandweit agierender Kunden. Die Verwaltungsvereinbarung über die Bereitstellung von digitalen topographischen und kartographischen Geobasisdaten der Vermessungs- und Geoinformationsverwaltungen der Länder durch das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG), kurz Verwaltungsvereinbarung „Geodatenzentrum“, trat 2006 in Kraft. Ein steuerndes Gre-mium in Form eines Lenkungsausschusses Geodatenzentrum wurde dazu eingerichtet. Mit dem Geodatenzentrum beim BKG für die geotopographischen Basisdaten der Länder (heute „Zentrale Stelle Geotopographie“), der Zentralen Stelle SAPOS sowie der von allen 16 Bundesländern betriebenen „Gemeinschaft zur Verbreitung der Hauskoordinaten“ (heute „Zentrale Stelle für Hauskoordinaten, Hausumringe und 3D-Gebäudemodelle“) standen in Deutschland drei zentrale Vertriebsstellen für die Geobasisdaten der Länder zur länderübergreifenden Nutzung zur Verfügung, die bis heute existieren.

Unter Prof. K. Kummer wurde die Bedeutung des amtlichen Satellitenpositionierungsdienstes SAPOS als Bestandteil der infrastrukturellen Grundversorgung unterstrichen und klar als das maßgebliche amtliche Bezugssystem für die Bundesrepublik für die Nutzer herausgestellt.

Prof. K. Kummer war immer ein politisch denkender Kopf. So war es auch sein Anliegen, die AdV politisch stärker zu verankern, dank seiner Initiative wurde die Konferenz der für Vermessung und Geoinformation zuständigen Staatssekretäre in den Ländern eingerichtet. Ziel war es, auf politischer Ebene Unterstützung für die länderübergreifende Zusammenarbeit zu erhalten um in den jeweiligen Ressorts den erforderlichen politischen Rückhalt sicherzustellen. So erging 2007 der Auftrag an die AdV, im Rahmen der Föderalismusreform Stufe II einen Vorschlag zur Optimierung der Bund-Länder-Kooperation unter Wahrung der grundgesetzlichen Kompetenzverteilung zu erarbeiten. Im Endergebnis entstand daraus der Lenkungsausschuss Geobasis.

Prof. K. Kummer war ebenso ein strategisch denkender Kopf. Unter seiner Ägide entstanden Grundsatzpapiere des amtlichen Vermessungswesens, die in ihren Grundaussagen noch heute Gültigkeit für die AdV haben. So wurden in dem Beitrag „Wissenswertes über das amtliche Vermessungswesen“, den er als Autor maßgeblich mit verfasst hat, die strategischen Leitlinien der AdV artikuliert und die Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen den Vermessungsverwaltungen der Länder und des Bundes und als Richtschnur für das gemeinsame Handeln neu erarbeitet. Ebenso ist das „Memorandum über die Zusammenarbeit im Amtlichen Vermessungswesen in Deutschland“ hervorzuheben, das AdV und BDVI (Bund der Öffentlich bestellten Vermessungsingenieure e. V.) gemeinsam entwickelt haben und dessen Entwicklung Prof. K. Kummer initiiert hat.

Dass ein vor vielen Ideen überschäumender, kreativer Kopf zur Feder bzw. zur Computermaus greift, ja greifen muss, überrascht uns nicht: Mehr als 100 einschlägige Fachveröffentlichungen in Zeitschriften des Geoinformationswesens und in Publikationsorganen über das gesamte berufliche Wirkungsspektrum sind ein beeindruckendes Erbe, das Prof. K. Kummer uns hinterlässt.

Nicht nur im Fußballklub seines Geburtsorts Holzminden, auch in der Liga der öffentlichen Verwaltungen spielte Prof. K. Kummer hochklassig: Er besaß ein klares und zielorientiertes Verständnis für Verwaltungsmodernisierung, Leitbildansatz, E-Government-Strategie und PR-Arbeit einer Verwaltung. Die Belohnung hierfür war die Preisträgerschaft der Vermessungs- und Geoinformationsverwaltung Sachsen-Anhalt beim 4. E-Government-Wettbewerb des Bundes 2004.

Vieles hat Prof. K. Kummer über die AdV hinaus für den Berufsstand, für die Wissenschaft, für die Berufsausbildung und für den DVW geleistet. Der Mund des Autors darüber muss aber verstummen, da Berufenere bereits darüber berichten und berichtet haben. Nur eines mag an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben: Prof. K. Kummer ist in Niedersachsen geboren, hat dort Schule und Universität absolviert, promoviert und Stationen auf allen Ebenen der niedersächsischen Vermessungsverwal-tung durchlaufen. Seit 30 Jahren ist er in Sachsen-Anhalt in leitender und exponierter Funktion tätig. Dies immer mit preußischem Fleiß und preußischer Disziplin. Bemerkenswert ist daher, dass er zusammen mit dem ehemaligen Chef der Bayerischen Vermessungsverwaltung, Prof. Dr. Josef Fran-kenberger, also einem „Südlicht“, das Standard-Buchwerk „Das deutsche Vermessungs- und Geoin-formationswesen“ ins Leben rief, dessen federführender Mitherausgeber und Autor Prof. K. Kummer noch heute ist. Bemerkenswert deswegen, dass, wenn Preußen und Bayern sich im Einvernehmen die Hände reichen, der Erfolg garantiert ist. Ohne Prof. K. Kummers Engagement und sein stringentes pädagogisches Talent wären die Jahrbücher mit weit über 4000 Seiten und bei einem drei Dutzend umfassenden Autorenteam nicht publiziert worden. Dank seiner Fähigkeit, weit über den fachlichen Tellerrand in die Zukunft zu blicken und Menschen zu überzeugen und für Ziele zu begeistern, soll er – wie mir aus zuverlässiger Quelle berichtet wurde – selbst bayerische Hardliner für das große Ganze im geodätischen Deutschland begeistert haben. Für diese Überzeugungsarbeit soll er sogar den – vielleicht landsmännisch mühsamen – Weg bis in das tiefste Oberbayern auf sich genommen haben.

Einen weiteren Aspekt möchte ich hervorheben, der nicht nur für die AdV, sondern für die Nachwuchssituation des Berufsstands der Geodäsie von Bedeutung ist: Prof. K. Kummer war nicht nur Mitglied und für zehn Jahre Leiter des Prüfungsausschusses Geodäsie und Geoinformation des Oberprüfungsamts für das technische Referendariat, sondern als erster Geodät Vorsitzender des Kuratoriums des Oberprüfungsamts mit seinen 13 technischen Fachrichtungen. Hierfür zolle ich ihm größten Respekt! Mit der selten verliehenen Ehrenernennung zum Fellow of RICS (FRICS) wurde dieses Engagement würdevoll ausgezeichnet.

Die AdV dankt Prof. K. Kummer für sein jahrzehntelanges Engagement und wünscht ihm viele lebendige, frohe und vor allem gesunde Jahre sowie viel Erfolg beim Aufbau des Sport- und Fußballprojekts mit Kindern und Jugendlichen im Weserbergland sowie in seiner neuen Tätigkeit als Direktor der Niederlassung Ost.


Tobias Kunst
AdV-Vorsitzender

3473 - Ein AdV-Urgestein geht
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AdVGeoinformationGeodäsieVermessung