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13.09.2021 Andreas Eicher

„E“ für Einsicht vor E-Mobilität

„Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung.“ Als Kaiser Wilhelm II. dieses aussprach, waren die Straßen noch voller Kutschen und die erste Patentanmeldung für ein Automobil mit Verbrennungsmotor noch nicht lange her. Der letzte deutsche Kaiser ahnte zu seiner Zeit nicht, welchen Siegeszug das Automobil nehmen würde. Heute sind rund 48,25 Millionen Personenkraftwagen (Pkw) in Deutschland zugelassen (Stand 1. Januar 2021). Zum Vergleich: Hierzulande leben 83,2 Millionen Menschen. Das heißt, statistisch kommen auf jeden Bundesbürger über 1,72 Pkw. Lastkraftwagen (Lkw) oder Wohnmobile noch nicht mitgerechnet. Der Vergleich hinkt? Vielleicht, aber für ein Umdenken in Sachen Mobilität werden ja stets neue Argumente gegen ein Drosseln des Individualverkehrs mit dem eigenen Auto ins Feld geführt. Stattdessen gilt die freie Fahrt der Bürger – wie gehabt.

Neueste Anekdote: die Ladeinfrastruktur. So hat das Bundesverkehrsministerium im August dieses Jahres die neue Förderrichtlinie ‚Öffentlich zugängliche Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge in Deutschland‘ bekannt gegeben. Nach Aussagen des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) können damit „ab dem 9. September 2021 Unternehmen, Städte und Gemeinden, öffentliche Einrichtungen und auch Privatpersonen die Nachrüstung bereits vorhandener öffentlich zugänglicher Ladeinfrastruktur gefördert bekommen“. Verkehrsminister Andreas Scheuer verkauft das Ganze als rasante technische Weiterentwicklung des E-Autos und damit die Batteriespeicherleistung. A. Scheuer: „Damit die Infrastruktur mit höherer Ladeleistung und somit kürzeren Ladezeiten mitzieht, fördern wir jetzt mit 90 Millionen Euro die Nachrüstung der bestehenden Ladepunkte.“ Das Ziel sei Laden, immer und überall.

Ladeinfrastruktur und der Ausbaukönnen damit „ab dem 9. September 2021 Unternehmen, Städte und Gemeinden, öffentliche Einrichtungen und auch Privatpersonen die Nachrüstung bereits vorhandener öffentlich zugänglicher Ladeinfrastruktur gefördert bekommen“. Verkehrsminister Andreas Scheuer verkauft das Ganze als rasante technische Weiterentwicklung des E-Autos und damit die Batteriespeicherleistung. A. Scheuer: „Damit die Infrastruktur mit höherer Ladeleistung und somit kürzeren Ladezeiten mitzieht, fördern wir jetzt mit 90 Millionen Euro die Nachrüstung der bestehenden Ladepunkte.“ Das Ziel sei Laden, immer und überall.

Ladeinfrastruktur und der Ausbau

Ein sportliches Ziel, sind doch nach Aussagen der Bundesnetzagentur ktuell nur „39.424 Normalladepunkte und 6.750 Schnellladepunkte“ hierzulande in Betrieb. Zu wenig, will die Regierung das Ziel erreichen, die Zulassungen bis 2030 auf „sieben bis zehn Millionen Elektrofahrzeuge in Deutschland“ zu erhöhen.

Nach Informationen des Nachrichtensenders NTV ist die „Versorgung in Ballungszentren und entlang der Autobahnen“ gut. Davon kann in vielen ländlichen Regionen keine Rede sein. Dort sieht es aktuell mit der Anzahl der Ladepunkte meist nicht gut aus. Also dort, wo die Menschen im Zweifel eher auf ein Auto angewiesen sind als in den Ballungsräumen. Ebenfalls ist ein Gefälle in den Bundesländern mit Blick auf den Ausbau der Ladeinfrastruktur erkennbar. Bayern mit einer Gesamtzahl von über 9.680 Ladepunkten und Baden-Württemberg (7.590 gesamt) führen die Liste an. Schlusslichter bei der Ladeinfrastruktur sind das Saarland (367) und Mecklenburg-Vorpommern mit 483 öffentlichen Lademöglichkeiten (Quelle: Bundesnetzagentur (Stand 1. August 2021)).  


Immerhin bieten einige Anbieter Apps, um das Auffinden von Ladestationen zu erleichtern. Hierzu gehören beispielsweise Programme von EnBW mit der „mobility+ App“ oder „Next Plug“. Gleichzeitig erleichtern Apps das Reservieren von Ladestationen. Zusätzlich lassen sich per Filterfunktion die richtigen Ladearten und der Ladestecker-Typ vorauswählen. 

Kosten, Klimaneutralität und Kaufprämie

Und auch die Kosten an den Ladesäulen variieren. Während das „Strom tanken“ bei manchen Händlern als Serviceangebot oder an Schnellladestationen zwischen München und Leipzig umsonst ist, müssen Verbraucher andernorts nicht selten mit hohen Kosten rechnen. Focus-Online hierzu: „Die Preise sind nicht einheitlich. Während einige Stromanbieter den Saft umsonst zur Verfügung stellen, rechnen andere nach Kilowattstunden oder Zeit ab.“ Und das Medium folgert: „Dabei reißen die Zeit-Tarife ein überraschend tiefes Loch in die Taschen. Der Praxis-Test zeigt: Der E-Tarif ist mitunter sogar teurer als Hausstrom oder Diesel.“ Nach Focus-Online-Berechnungen heißt das: „Bei dem Stromanbieter Eon kostet die 30-minütige 22-kW-Ladung zwei Euro. Eine Stunde werden mit vier Euro, 90 Minuten mit sechs Euro verbucht. Für vier Stunden laden müssen Fahrer des BMW i3 also rund 16 Euro zahlen.“ Damit komme ein Fahrer rund 100 Kilometer weit. Der zahle fast dreimal so viel wie beim Laden am durchschnittlichen Hausstrom (28 Cent/kWh). Demnach sei nach Focus-Informationen ein vergleichbarer Verbrenner deutlich günstiger. Ähnlich sieht es das Handelsblatt und folgert: „Trotz des fortschreitenden Ausbaus der Ladeinfrastruktur fehlen vielerorts weiterhin öffentliche Ladesäulen in unmittelbarer Nähe, was dann für lange Wege zwischen Ladepunkt und dem Zuhause sorgt. Weitere Nachteile öffentlicher Ladepunkte: Sie sind nicht immer verfügbar und der Strom oft teurer als der aus eigener Steckdose.“ Zudem müsse nach Aussagen des Handelsblatts bei einem Blick auf die Klimabilanz eines E-Autos darauf geachtet werden, dass der Strom zu 100 Prozent klimaneutral sei. Dies sei allerdings aktuell aufgrund des Strommix im deutschen Netz nicht gewährleistet. „Im Vergleich zum Benziner fährt das E-Auto mit normalem Strom laut ADAC erst nach rund 130.000 Kilometer Vorteile fürs Klima heraus“, resümiert das Handelsblatt.

Die Bundesregierung fördert indes weiter den Kauf der E-Mobile sowie von Hybridfahrzeugen. Konkret heißt das: „Um den Umstieg zu beschleunigen, haben Bundesregierung und Automobilindustrie die Kaufprämie, den Umweltbonus für E-Autos erhöht: Bis zu 6.000 Euro können Käuferinnen und Käufer für Elektro- oder Brennstoffzellen-Autos erhalten. Bis zu 4.500 Euro beträgt der Zuschuss beim Kauf eines von außen aufladbaren Hybridelektrofahrzeugs.“ Zudem werden nach Aussage der Bundesregierung auch junge Elektro-Gebrauchtwagen gefördert.

Fehlendes Recycling-System und Auslaufmodell

Bei allen Forderungen und Förderungen der E-Mobilität stellt sich indes die Frage, ob diese Art des Individualverkehrs mit dem großen „E“ vor dem Auto wirklich der Weisheit letzter Schluss ist. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) titelte bereits 2018 in diesem Zusammenhang: „Die dreckige Wahrheit der Mobilitätswende.“ Kritisch nimmt der Beitrag zum Batterie-Recycling Stellung: „Elektroautos sollen den Verkehr in Deutschland sauberer machen. Die Wahrheit ist aber auch: Für die riesigen Batteriemassen gibt es noch gar kein Recycling-System.“ Die Folgen fügt der Artikel an: „Die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften (Acatech) geht davon aus, dass 25 bis 30 Prozent des in Europa anfallenden Elektronikschrotts illegal exportiert werden – inklusive der Akkus.“ Und weiter: „Was in Regionen mit niedrigen Umweltstandards mit dem Sondermüll passiert, will keiner so genau wissen. Das wird sich auch mit Elektrofahrzeugen kaum ändern, die am Ende ihres Lebens nach Afrika oder Osteuropa abgeschoben werden.“

Doch trotz der durchaus kritischen Expertenstimmen zur E-Mobilität setzen die drei großen Parteien auf die Anwartschaft des Kanzleramts voll auf den Ausbau der Elektromobilität. Einen schlanken Fuß machen Armin Laschet (CDU), SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz und Annalena Baerbock, Bündnis 90/Die Grünen, hierbei nicht. Sie verkennen nicht nur die genannten Risiken im Umgang mit Batterien, sondern auch die steigende Nachfrage nach seltenen Erden. Und die kommen meist aus Krisenregionen oder autoritären Staaten, abgebaut unter menschenunwürdigen Bedingungen. Letztendlich verschließen alle drei Parteien und ihr handelndes Personal die Augen davor, dass der Individualverkehr mit dem eigenen Auto ein Auslaufmodell sein sollte in unseren übervollen Städten. Denn die Förderer der E-Mobilität verlagern das Problem nur auf eine andere Antriebsart und verkennen dabei, dass im Grunde weniger Individualverkehr auf deutschen Straßen dringend geboten wäre. Der Weg müsste eigentlich lauten: massiver Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) als die eigentliche Alternative. Denn der beste Umweltschutz ist der, kein Auto zu fahren. Ob das so kommt? Zweifel sind zumindest angebracht. Denn dafür müsste zunächst das „E“ für Einsicht statt der E-Mobilität zuvorderst stehen. Oder anders formuliert: Eine mobile Zukunft sieht anders aus.
 

3742 - „E“ für Einsicht vor E-Mobilität
Andreas Eicher