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Alles unter einem Baudach

Andreas Eicher
Andreas Eicher 03.11.2021

Die Rufe nach neuen Ministerien sind so alt, wie die Bundesrepublik Deutschland. An der Gründung der jeweiligen obersten Bundesbehörde lässt sich viel über den Stellenwert des Ressorts und letztendlich der Aufgaben ablesen. Während das Finanzministerium sowie das Wirtschafts- und Justizministerium bereits 1949 im Zuge der noch jungen Republik ihre Arbeit aufnahmen, folgten das Auswärtige Amt 1951 oder das Umweltministerium im Jahre 1986. Verständlich mit Blick auf die damalige Zeit, denn das in Schutt und Asche liegende Nachkriegsdeutschland musste wirtschaftlich wieder funktionsfähig werden und „Schurken“ gab es auch nach 1945 genug. Verständlich ist auch, dass das politische Personal sich mit dem Thema neuer auswärtiger Beziehungen nach den Kriegserfahrungen noch etwas schwertat. Ganz zu schweigen vom Umweltthema und einem eigenen Ministerium, das in diesen Zeiten noch Lichtjahre entfernt schien.

Auch heute ebben die Diskussionen um neue oder im Zuschnitt veränderte Bundesministerien nicht ab. Sei es das Für und Wider eines Digitalministeriums oder der Einführung eines eigenen Bauministeriums. Und damit sind wir mittendrin in der Diskussion um das Thema Bauen. Denn vieles liegt im Argen beim Wohnungsbau, dem Bauen im Bestand samt Nachhaltigkeit und der Prozesswelt im Zuge des digitalen Bauens. Also jede Menge Aufgaben, die eigentlich auf das Bundesministerium warten. Doch ein Blick auf die Seiten des zuständigen Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) verrät viel über die Aufgabenfülle und Zuständigkeiten des BMI. Dort heißt es im ersten Satz zum Ministerium: „Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat sowie seine Geschäftsbereiche decken ein breites Spektrum an Aufgaben und Tätigkeiten ab. Der Bogen reicht vom Bevölkerungsschutz über Integration und Sportförderung bis hin zu Sicherheitsaufgaben. Die zahlreichen Tätigkeitsfelder machen deutlich: Innenpolitik betrifft alle Gesellschaftsbereiche.“ Kein Wort zum Thema Bauen. Und auch Satz zwei der Selbstdarstellung verrät nicht wirklich, dass Bauen an oberster Stelle des Ministeriums steht. Dort heißt es: „Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat ist differenziert organisiert. Es hat seinen Sitz in Berlin und Bonn und verfügt über eine weit verzweigte Behördenstruktur.“ Ein Satz, der mit unseren behördlichen Strukturen im Hinterkopf eher Unwohlsein bereitet.

Sei es nun, wie es ist oder war. Was wir hierzulande zukünftig stärker brauchen, ist ein Gesamtplan. Reden wir an dieser Stelle zunächst nicht von einer Strategie, einem Begriff, dessen Halbwertszeit sich je nach Gusto erweitern oder kürzen lässt.

Also einen Plan für den gesamten Bauprozess. Ob hierbei ein eigenes Bauministerium der Weisheit letzter Schluss ist, das sei dahingestellt. Was indes geschieht, wenn nicht alle über die gleichen Informationen rund um ein Bauvorhaben verfügen, das verdeutlicht nicht zuletzt das Beispiel des Hauptstadtflughafens Berlin-Brandenburg (BER). Dessen Bauzeit schleppte sich nach diversen Fehlplanungen, Bauverzögerungen und wechselnden Verantwortlichkeiten 14 Jahre dahin. Die Folgen: ein immenser Imageschaden für die Beteiligten sowie ausufernde Kosten von über sechs Milliarden Euro. Nun ist man hinterher immer schlauer und wer den Schaden hat, braucht für den Spott bekanntlich nicht zu sorgen. Vom Desaster über den Pannenflughafen bis zum Lösungsvorschlag, wonach das mit BIM wohl nicht passiert wäre, war alles dabei.

Bevor der Bagger am Gartenzaun steht

Architekten, Bauherren und Planer suchen nach Wegen, um den kompletten Bauprozess zu verbessern. Mithilfe von BIM soll das gelingen. Dahinter steht der lang gehegte Wunsch, all die beteiligten Menschen mittels BIM-Methode an einem Strang ziehen zu lassen. Das heißt: von der Planung über die Umsetzung bis zur Fertigstellung und späteren Betreuung des Bauvorhabens. Gleichzeitig sollen die Kosten eingehalten sowie Bauvorhaben transparent, pünktlich und fehlerfrei durchgeführt werden. Und das nicht nur im Neubau, sondern auch im Bestand. Die Firma Autodesk schreibt in diesem Zusammenhang, dass die Modernisierung der Infrastruktur eine komplexe Aufgabenstellung darstelle. „Vor allem, wenn bestehende Bausubstanz mit berücksichtigt werden muss. Die BIM-Planungsmethode erleichtert hier den Prozessablauf und ermöglicht es, Ziele in kürzerer Zeit zu erreichen.“

 

Einen ausführlichen Beitrag mit dem Titel: „BIM – mit Luft nach oben“ finden Sie in der gis.Business 5/2021.

 


Ein wichtiger Punkt, den auch die Deutsche Bahn (DB) kennt. Nach eigenen Aussagen „größter Infrastrukturbetreiber in Europa“, treibt das Unternehmen das digitale Bauen voran. Und das „weil damit die Qualität steigt, Kosten und Termine besser beherrscht und am Ende der Aufwand für Planen, Bauen, Betrieb und Instandhaltung gesenkt werden“. Darüber hinaus mache BIM nach DB-Ansicht das Projekt für „den Bürger verständlicher, bevor der Bagger am Gartenzaun steht und zeigt dem Projektleiter Risiken für Kosten und Termine, bevor sie entstehen.“ Wenn es denn nur so einfach wäre.

Von BIM und dem Verständnis

Dass es beim Thema BIM nun nicht zwangsläufig einfacher wird, darauf verweist BIM-Expertin Dr. Ilka May – gerade weil es unter anderem an digitaler Kompetenz sowie Kapazitäten in den Unternehmen mangele. Kein Wunder, dass selbst die Intergeo-Macher vom Nachholbedarf bei der Baubranche sprechen. Deutlicher formuliert heißt das: „Beim Thema Digitalisierung gilt sie als abgeschlagen.“ Das ist kein Wunder, bestehe doch nach Dr. I. Mays Meinung ein Missverständnis, was BIM als Methode überhaupt bedeute. Eine Aussage, jüngst im Rahmen der Intergeo getroffen. Mehr noch kritisierte Dr. I. May bereits im letzten Jahr, „dass es in Deutschland keinen langfristigen strategischen Plan gibt, der darlegen würde, wie viel wir als Industriesektor in die Digitalisierung investieren wollen, was man sich davon verspricht und wie man das Thema eigentlich langfristig bewältigen will“. Mehr noch fühlten sich ihrer Meinung nach kleine und mittelständische Unternehmen allein gelassen mit den Herausforderungen des schnellen Wandels.

Wen wundert es, dass manch potenzieller Anwender in BIM noch immer eine komplexe und zugleich teure Methode sieht. Das nehmen die, die mit BIM ihr Geld verdienen, erfahrungsgemäß anders wahr. Für Andreas Sinning von Trimple Geospatial ist BIM beispielsweise einer der entscheidenden Trends, um die Bauindustrie zukunftsfähig auszurichten.

Topmanager A. Sinning nennt BIM in einem Atemzug mit GIS und dem digitalen Zwilling – verstanden als die treibenden Entwicklungen in Richtung Systemintegration. Dabei geht es um das Life Cycle Management. Dahinter verbirgt sich der nicht mehr ganz neue Traum einer ganzheitlichen Verwaltung und Steuerung aller Daten und Prozesse. Anne Katrin Bohle, Staatssekretärin im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, beschreibt es in ihrem Grußwort zur letzten Intergeo als „einen ganzheitlichen Ansatz über den kompletten Lebenszyklus von Bauwerken“. Und damit wären wir wieder beim BMI, dem Bauen und einem eigenen Ministerium. Immer ist das BMI nach eigenen Aussagen seit März 2018 „zuständig für Stadtentwicklung und Wohnen sowie für die Themen öffentliches Baurecht, Bauwesen, Bauwirtschaft und Bundesbauten“. Das weist zumindest in die richtige Richtung, alles unter einem „Baudach“ zu vereinen. Fortsetzung folgt.

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