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BIM in Berlin

Andreas Eicher
Andreas Eicher 13.12.2019

Stau beim Bau. So heißt es regelmäßig in deutschen Tages- und Fachzeitungen. Vor allem die Bundeshauptstadt Berlin ist davon betroffen. Die jüngsten Zahlen: „Im Jahr 2018 gab es in Berlin mit 64.000 sogenannten Bauüberhängen die bei Weitem höchste Anzahl von genehmigten, aber noch nicht fertig gestellten Wohnungen in ganz Deutschland. Das geht aus den Zahlen der statistischen Ämter des Bundes und der Länder hervor, die diese am Mittwoch in Berlin präsentierten.“ So berichtet es die Berliner Morgenpost im Dezember 2019. Und der Beitrag hebt mit Blick auf ganz Deutschland hervor: „Seit 2008 werden demnach in Deutschland wesentlich mehr Wohnungen genehmigt als fertiggestellt. Dies zeigt der jährlich erfasste Bauüberhang, der sich zwischen 2008 und 2018 bundesweit mehr als verdoppelt hat: von rund 320.000 auf 693.000 genehmigte, aber nicht fertiggestellte Wohnungen“ [1].

Das Building Information Modeling (BIM) soll den kompletten Bauprozess „revolutionieren“. In diesem Zusammenhang ist viel von Innovationen, Prozessen, Methoden und schon fast selbstredend von der Digitalisierung die Rede. Nun kann man als Betrachter über den Sinn und Unsinn von Bauprojekten trefflich streiten. Zu allen Befürwortern dieser oder jener Bauvorhaben sowie bereits realisierter Projekte werden sich ebenso viele Kritiker finden.

Angespannter Wohnungsmarkt in einer boomenden Stadt

Denn auch und gerade in Berlin trägt das Thema Wohnungsbau stets viel sozialen Sprengstoff mit sich. Bei allem Pro und Kontra des Bauens bleibt eines festzuhalten: Der sich ändernde Gesamtbauprozess im Hochbau kommt Ende 2020 mithilfe der BIM-Methode als bindendes Kriterium, indes bleiben die Probleme bestehen. Auf eine schriftliche Anfrage der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus zum „Modellprojekt Building Information Modeling (BIM)“ vom März 2018 und dazu, ob der Senat eine Kosten-/Nutzen-Analyse für BIM-Projekte vorgenommen habe, antwortete die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen wie folgt: „Nein bisher nicht, da es erst ein Pilotprojekt gibt“ [2].

Die Berliner Senatsverwaltung hat zumindest Handlungsbedarf erkannt. „Im Bereich Hochbau müssen die Berliner Bezirke künftig die vom Gesetzgeber vorgegebene Methode Building Information Modeling (BIM) anwenden“, heißt es in einer Pressemittelung vom 25. Juni 2019. „Hierfür ist es notwendig, dass die Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erweitert werden. Gleichzeitig sind Maßnahmen wichtig, mit denen die Abläufe vereinheitlicht und beschleunigt werden. Dabei wollen die Bezirke stärker zusammenarbeiten“ [3]. Die Meldungen zum Stand der BIM-Entwicklung in Berlin müssten den politisch Verantwortlichen eigentlich die Sorgenfalten ins Gesicht treiben – vor allem aufgrund unzureichender Analysen, Prozesse und dem fehlenden Mitarbeiterwissen im öffentlichen Sektor.

Gerade vor dem Hintergrund eines angespannten Wohnungsmarkts in der Bundeshautstadt wären bessere und vor allem schnellere Projektlaufzeiten mithilfe von BIM förderlich. Denn jährlich „ziehen 40.000 Menschen nach Berlin, eine ganze Kleinstadt“, berichtet Deutschlandfunk Kultur in einem Beitrag aus dem vergangenen Jahr. Und weiter heißt es: „Berlin wird immer voller und teurer und schon jetzt fehlen laut einer Studie rund 310.000 bezahlbare Wohnungen. Angebot und Nachfrage stehen in einem krassen Missverhältnis“ [4].

Mit Blick auf Berlin, das als boomende Stadt verstärkt Wohn- und Arbeitsräume braucht, folgert auch Gerry Woop, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Kultur und Europa: „Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum erfordern neue Räume zum Wohnen und Arbeiten, moderne Infrastrukturen und Versorgungseinrichtungen.“ Und er fügt an: „Neben all dem geht es gleichsam um das Wohlbefinden der Menschen in den Städten und Siedlungen, es geht um ein Zuhause: Beides wird schon lange nicht mehr ausschließlich von mehr oder weniger gutem Neubau evoziert und stimuliert. Es ist der Gleichklang von baulichem Erbe, erhaltenswerter Bausubstanz, von guten öffentlichen Räumen und qualifiziertem Neubau (…)“ [5].

Aus der Berliner Praxis: von der Brücke zum Hochhaus und der BIM-Weiterbildung

Die Schiffbauerdammbrücke an der Panke (Südpanke) im Berliner Stadtbezirk Mitte ist über 100 Jahre alt. Aufgrund des schlechten Zustands der Brücke mit Schäden an den Stahlträgern des Überbaus sowie an den Unterbauten aus Natursteinen wurde ein Ersatzneubau erforderlich. Die Abteilung Tiefbau der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz Berlin beauftragte die Dorsch Gruppe mit der Ausführungsplanung unter Anwendung der BIM-Methode.

Das Consulting- und Engineering-Unternehmen erstellte zunächst einen BIM-Abwicklungsplan, der mit dem Angebot eingereicht wurde. „Dieser bildet die Grundlage einer BIM-basierten Zusammenarbeit, definiert BIM-Ziele, organisatorische Strukturen und Verantwortlichkeiten und legt die geforderten BIM-Leistungen sowie die Software- und Austauschanforderungen fest“, so das Unternehmen. Zur Abwicklung Bauprojekts, das im ersten Quartal 2020 beendet sein soll und acht Bauphasen umfasst, wurde nach den Worten der Dorsch Gruppe „eine digitale objektorientierte Integrationsplanung in 3D erstellt“. Und weiter heißt es: „Ein gesamtheitliches Koordinationsmodell des Gesamtbauwerks mit Umgebung, Medienleitungen und Untergrund innerhalb der vorgegebenen Planungsgrenzen wird im Rahmen der fachübergreifenden Qualitätssicherung bereitgestellt und stets auf dem Laufenden gehalten.“

Durch die innovative BIM-Arbeitsmethode werde nach Ansicht der Dorsch Gruppe die Planungssicherheit erhöht und somit Zeit sowie Geld gespart. „Wenn beispielsweise Änderungen vorgenommen werden müssten, sind für alle Beteiligten Zeichnungen und Datenpakete direkt verfügbar. Massen und Stückzahlen, die zum Beispiel als Grundlage zur Kostenkalkulation dienen, werden automatisch abgeglichen“, so Stephan Müller, BIM Manager im Bereich Konstruktiver Ingenieurbau bei Dorsch in Berlin [6].

Hoch hinaus geht es beim Neubau des sogenannten „Q218“ in Berlin-Lichtenberg. Das 64 Meter hohe Wohngebäude wird im Auftrag der HOWOGE Wohnungsbaugesellschaft mbH gebaut. Nach Ansicht der HOWOGE sei das „Q218“ nicht nur der derzeit höchste Neubau einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft mit einem Anteil von 50 Prozent gefördertem Wohnraum. „Auch das Tempo der Auftragserteilung ist für ein öffentliches Vergabeverfahren beachtlich: Nur fünf Wochen nach dem abschließenden Jury-Termin wurde der Zuschlag erteilt“, erklärt das Unternehmen auf seinen Internetseiten. Und weiter heißt es: „Die Abstimmung der finalen Leistungsbeschreibung für die Bauphase erfolgt in der jetzt einsetzenden Entwicklungsphase („partnering“), in der HOWOGE und PORR (Generalunternehmer, Anm. d. Red.) das Bauvorhaben gemeinsam weiterentwickeln und optimieren.“ Demnach werde das Partnering-Modell durch den Einsatz von Building Information Modeling (BIM) während des gesamten Projektverlaufs unterstützt [7].


Hoch hinaus dank BIM (Quelle: BE Berlin GmbH/Prof. Gerd Jäger)


Im Projekt „Fit for BIM“ unter Federführung der BGZ (Berliner Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) setzt die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) auf eine verstärkte Einbindung von BIM „in den Ausbildungsberufen des Bauwesens“. Zudem geht es inhaltlich darum, den „Ausbau von Kooperationen mit Hochschulen und Unternehmen“ zu fördern. Hintergrund sei nach Ansicht der HTW der steigende Bedarf an BIM-Nachwuchs im mittleren Baumanagement sowie im Bauhauptgewerbe, aber auch in den Architekturbüros und den Bauverwaltungen. Auf den HTW-Seiten heißt es hierzu, dass das Ziel mit dem Erfassen und Verankern digitaler Kompetenzen zur BIM-Umsetzung bei der Planung, Errichtung und Nutzung von Gebäuden (Bauen 4.0) in Aus- und Weiterbildung in Bauberufen (VET/HE) umrissen sei. Die Hochschule folgert: „Die Digitalisierung verändert sämtliche betriebliche Arbeitsprozesse bei Unternehmen, aber auch bei Bauämtern. Mit BIM kommen neue Arbeitsrollen (BIM-Modellierer/BIM-Koordinatoren etc.). Neue Kompetenzen werden benötigt – vor allem im Bereich Datenmanagement, digitale Prozesse/VR, Kommunikation.“

Zudem bestehe nach Ansicht der HTW ein hoher Bedarf an Baufachleuten in Bauverwaltungen und Bauämtern, wenn BIM als Standard eingeführt werde. Das Projekt wird mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert und läuft noch bis Februar kommenden Jahres [8]. Was die Politik bis dato verschlafen hat, nämlich auf eine stärkere BIM-Aus- und Weiterbildung zu setzen, das erkannte die Wissenschaft übrigens viel früher. Denn das Gemeinschaftsprojekt Fit for BIM ist bereits seit September 2017 mit diversen Projektpartnern in unterschiedlichen Ländern am Wirken. Neben Deutschland beteiligen sich Dänemark, Belgien und Polen an dem Projekt. Die Projektinitiativen können indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass hierzulande erheblicher Nachholbedarf in puncto BIM besteht – nicht nur in Berlin. Und somit heißt es weiterhin: Stau beim Bau.


Quellen:

[1] www.morgenpost.de/berlin/article227830415/Der-Baustau-in-Berlin-hat-sich-in-zehn-Jahren-verdreifacht.html
[2] s3.kleine-anfragen.de/ka-prod/be/18/13888.pdf
[3] www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2019/pressemitteilung.822636.php
[4] www.deutschlandfunkkultur.de/berliner-wohnungsmarkt-unser-haus-vor-dem-ausverkauf.1076.de.html
[5] www.ak-berlin.de/fileadmin/user_upload/Pressemitteilungen/Pressemitteilungen_2019/08_PM_Eroeffnung_da__2019.pdf
[6] www.dorsch.de/fileadmin/pagecontent/news/Pressemitteilungen/D_Dorsch_Pressemitteilung_Schiffbauerdammbruecke_BIM01_2019final.pdf
[7] www.howoge.de/unternehmen/presse/pressemitteilungen/detail/howoge-planungen-fuer-64-meter-wohnhochhaus-werden-konkret.html
[8] fit4bim.eu/203/

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