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Smart City: intelligent im Superlativ

Was haben Konstanz, Ludwigsburg und Heidelberg gemeinsam? Richtig, es sind drei Städte in Baden-Württemberg, die touristisch viel zu bieten haben. Sei es der Bodensee für Konstanz, das Ludwigsburger Residenzschloss oder die Altstadt von Heidelberg. Zudem sind alle drei Städte zwischen Bodensee, Stuttgart und Rhein-Neckar beliebte Hochschul- und Universitätsstädte mit renommierten Forschungseinrichtungen. Und auch wirtschaftlich gehören alle drei Städte in ihren jeweiligen Regionen zu den Gewinnern im deutschlandweiten Vergleich. „Viel Freund, viel Ehr“ könnte man bei all den positiven Attributen sagen, zumal auch die Lebensqualität und der -standard in allen drei Regionen hoch sind. Als wäre das alles nicht genug, haben sich Konstanz, Ludwigsburg und Heidelberg um den Status einer Smart-City-Hauptstadt beworben.

Gut gesetzt, könnte der Betrachter denken bei all den technologischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Möglichkeiten der Städte im intelligente Modus. Doch im Gegensatz zu der gerne auf Hochglanz polierten smarten Stadt, bedarf es großer Anstrengungen für das Leben in den Städten und Megacitys. Dabei genügt ein Blick auf die genannten Wettbewerber im Smart-City-Rennen. Verkehrsprobleme, marode Infrastrukturen, teure Mieten, sind nur drei Faktoren, die das Leben auch zwischen Bodensee und Rhein-Neckar nicht immer einfach machen. Ob nun der oben beschriebene Wettbewerb als Maßstab der Vergleichbarkeit von smarten Städten, die per se nicht vergleichbar sind, hilfreich ist, sei dahingestellt. Viel mehr passt das zu unserem Zeitgeist alles miteinander zu messen, einen Wettbewerb aus allem zu gestalten – und sei es nur die „smarteste“ Stadt zu küren. In diesem Kontext sei die Frage erlaubt: Wohin wollen die intelligenten Städte im Superlativ-Modus?

Wo bleibt der Mensch als Mittelpunkt?

Eine klare Antwort sollte sich auf neue Ideen und Wege für das Miteinander auf engstem Raum erfolgen. Bei gleichzeitig endlichen Ressourcen und der Suche nach mehr Nachhaltigkeit in unserem Denken sowie Handeln. Ein Punkt, der wahrlich in vielen Konzepten der Smart Cities fehlt, ist der Mensch im Mittelpunkt. Kritiker, wie der Strategieberater und Zukunftsforscher Johannes Kleske, gehen noch einen Schritt weiter und sprechen von einer Neoliberalisierung der Städte. „Je mehr Städte wie Unternehmen geführt werden, die die Bürger als Konsumenten ansehen, desto mehr bewegen wir uns von der Stadtgemeinschaft zu reinen Individuen“, erklärt J. Kleske. Und er ergänzt: „Wenn Städte nicht mehr als gemeinschaftliche Lebensräume, sondern als persönliche Verwirklichungsbeschleuniger betrachtet werden, leidet das Zusammenleben. Und das mindert letztendlich immer die Lebensqualität aller Stadtbewohner, egal ob arm oder reich, digital-affin oder offlinig“ (siehe auch das Interview mit Johannes Kleske in der aktuellen Ausgabe der gis.Business 2/2017). Das verwirrende an vielen technisch ausgerichteten Smart-City-Konzepten ist, dass Menschen nicht oder nur unzureichend in den Findungsprozess eingebunden werden. Da stellt sich die Frage: Für wen wird das Ganze eigentlich geplant und umgesetzt?

In dem intelligenten und auf Technologie getrimmten Stadtleben steckt noch ein weiterer Widerspruch zum eigentlichen Sinn des miteinander Lebens, des sozialen und kulturellen Austauschs – auch und gerade im öffentlichen Raum. Die technische Welt mit ihren Hochglanzbroschüren und Werbeversprechungen zeichnet einen Gemeinschaftssinn mithilfe immer neuer digitaler Möglichkeiten. „Sei dabei und du bist mittendrin“ heißt die Verlockung. Die Realität sieht indes anders aus, denn im Grunde unterstützen viele digitale Apparaturen und Dienste nur noch stärker das „Ich“ in unserer hochindividualisierten Gesellschaft. „Je mehr Städte wie Unternehmen geführt werden, die die Bürger als Konsumenten ansehen, desto mehr bewegen wir uns von der Stadtgemeinschaft zu reinen Individuen. Wenn Städte nicht mehr als gemeinschaftliche Lebensräume, sondern als persönliche Verwirklichungsbeschleuniger betrachtet werden, leidet das Zusammenleben“, erklärt J. Kleske. Hanno Rauterberg bezeichnet das als „Ich in der Digitalmoderne, das nach Selbstverwirklichung strebt und dafür das urbane Gefüge als besonders geeignet erfährt“ [1].

Intelligente Stadt heißt auch teilen, tauschen, wiederverwerten

Kontinentwechsel. Afrikas Großstädte wie Kairo, Lagos oder Johannesburg können von solchen Diskussionen nur träumen. Wohlstandsprobleme würden die sagen, denen die Dringlichkeit einer nachhaltigen Stadtentwicklung zwar am Herzen liegt, deren Möglichkeiten sich infrastrukturell und finanziell aber schnell erschöpfen. Ein Beispiel: Lebten in Südafrikas „Global City“ Johannesburg im Jahr 2001 noch 3,2 Millionen Menschen, so waren es nach der letzten Volkszählung von 2011 bereits 4,4 Millionen [2]. Heute gehen die Schätzungen bereits von rund 5 Millionen Einwohnern aus. Tendenz steigend. Die hohe Kriminalitätsrate, Korruption, der scharfe Kontrast zwischen Arm und Reich, Umweltverschmutzung, sowie ein nur punktuell existierender öffentlicher Nahverkehr machen das Leben in der Stadt nicht einfach. Und doch zieht es immer mehr Menschen in Großstädte, wie Johannesburg. Die meisten Menschen in Afrika, Asien oder Lateinamerika folgen den scheinbaren Verlockungen der Stadt aufgrund erbärmlicher Lebensumstände. Und die heißen vielfach Krieg, Terror, Vertreibung und Hunger. Hier ist wenig smart, zumindest nach unseren Vorstellungen von Technologie, Digitalisierung und Vernetzung. Gleichsam zeigen sich beispielsweise afrikanische Metropolen von einer anderen Seite als intelligente Städte.

„Do more with less“ heißt ein Ansatz von Johannesburg. In diesem „mit weniger mehr erreichen“ steckt auch ein Stück Pragmatismus. Ein großer Pluspunkt ist für Städte wie eben Johannesburg, die Fähigkeit der Menschen zu antizipieren. Sie denken Neues, haben teil und teilen, um aus wenig mehr, aus Altem Neues zu machen. In diesem Zusammenhang sprechen wir auch vom Thema Recycling. Denn im Zuge neuer Stadtentwicklungen müssen die Wiederverwertung und Aufbereitung von Müll sowie Ideen des Tausches und Teilens einbezogen werden. „So bietet beispielsweise die Entwicklung vom (geschlossenen und) regionalen Wertstoffkreisläufen sowohl ökonomisch als auch ökologisch wertvolle Lösungen, die urbane wie auch rurale (ländliche, Anmerkung der Redaktion) Räume nachhaltiger und resilienter machen (können)“ [3]. Ein Denken, das in unseren Sphären erst langsam zu einem tief greifenden Wandel in den Gesellschaften führt. Ein Grund liegt sicher darin, dass Wiederverwerten, Tauschbörsen und Gemeinschafsgärten lange Zeit ein Nischendasein fristeten. Nun liegen sie im Trend und viele Menschen erkennen die Notwendigkeit eines Umdenkens hin zu einem nachhaltigen Lebensstil. Demgegenüber müssen die Menschen in den meisten Entwicklungsländern und deren Metropolen und Dörfern seit jeher teilen, tauschen und wiederverwerten. Ihre Wahl war und ist begrenzt.


Ideenreichtum und das Motto: „Do more with less“ sind eine Stärke afrikanischer Großstädte
Bild: Andreas Eicher

Die Hilfsmittel im Großstadtdschungel

Müsste sich der Naturforscher Alexander von Humboldt in einer Megacity von heute bewegen, so könnte er auf alle möglichen digitalen Hilfsmittel im modernen Großstadtdschungel zurückgreifen. Von der Drohne für den besseren Überblick bis zu zahllosen Apps zur digitalen und schnellen Wegeführung, inklusive Vermietstationen für (E-)Fahrräder, Elektroautos, und der automatisierten Parkplatzsuche. Oder er nutzt öffentliche Verkehrsmittel sowie Carsharing auf seinem Weg von A nach B und kann zu Fuß noch spielerisch die Kunst und Kultur der Stadt erfahren, am besten in 3D. Und auch auf Notizblock und Feder könnte von Humboldt verzichten, wenn er Häuser, Tiere oder die Spezies Mensch skizzieren wollte. Dafür stehen ihm Tablet & Co. samt Spracherkennung, Notizfunktion und Verortung seiner Stadtentdeckungen zur Verfügung. Es zeigt sich: Der technische Smart-City-Werkzeugkasten der Städte ist groß und er wird größer. Ein wichtiges Fach in diesem Kasten ist das der Geoinformationen. „Ohne smarte Geo-Dienste keine Smart City“ war ein Titel der letzten Monate, der im Rahmen der gerade zu Ende gegangenen Cebit publiziert wurde. Und in der Tat sind Location Intelligence, Geospatial, BIM, Punktwolken und 3D-Modelle wichtige Schlüsselthemen, die ohne Geodaten nicht existieren würden.

Ob die Geoinformationslösungen das Stadtleben besser machen, und bereichern, können vor allem Antworten auf die Frage liefern, wie die vielen Insellösungen miteinander verbunden werden. Und das nicht nur mit einem reinen Technologiebezug, sondern auch in puncto der stärkeren Einbindung ihrer Bewohner. Denn schlussendlich sollen sie daran partizipieren und ihre Ideen und Wünsche einfließen lassen, im Vorfeld. Im Umkehrschluss heißt es an der einen oder anderen Stelle nicht immer der vollvernetzten, digitalen Welt den Vortritt zu lassen. Diesen Punkt hat beispielsweise die Stadt Ludwigsburg verstanden und gemeinsam mit den Bürgern ein Stadtentwicklungskonzept erarbeitet. Das ist doch mal ein gutes Zeichen. Ob es Ludwigsburg im Rennen um die smarteste Hauptstadt hilft, ist eine andere Sache. Wir werden es sehen.

Einen ausführlichen Beitrag zum Thema Smart City finden Sie in der aktuellen Ausgabe der gis.Business 2/2017.


Quellen:

[1] Rauterberg, H: Wir sind die Stadt!. Urbanes Leben in der Digitalmoderne. Suhrkamp, Berlin, 2013, S. 10.

[2] http://www.statssa.gov.za/?page_id=993&id=city-of-johannesburg-municipality

[3] Ottmar, K.; Emrich, S.: Pionierpflänzchen mit Strahlkraft. In: Politische Ökologie, 142 (Thema StadtLust). Oekom, München, 2015, S. 101.

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